1946 … 1986 – 2026 Land und Stiftung

40 Jahre NRW-Stiftung

Foto: Archiv NRW-Stiftung

Foto: Archiv NRW-Stiftung

2026 feiert Nordrhein-Westfalen sein achtzigjähriges Bestehen, genau die Hälfte dieser Wegstrecke hat die NRW-Stiftung seit 1986 mit durchmessen. Dass sie als Partnerin des Ehrenamts zur festen Größe im bevölkerungsreichsten Bundesland werden konnte, verdankt sie den vielen bürgerschaftlichen Initiativen, die sich in Rheinland, Westfalen und Lippe für Natur, Heimat und Kultur einsetzen. Zum runden Geburtstag blicken wir zurück auf Konzepte und Kooperationen, auf Meilensteine und magische Momente.

Teufelswerk und Höllenzauber? Nicht förderwürdig nach den Kriterien der NRW-Stiftung. Wohl heißt es bei Goethe ausgerechnet über Mephistos pferdefüßige Pläne: „Was dahintersteckt? Und was denn weiter – ein Projekt.“ Doch Geister, die stets verneinen, beerdigen gute Ideen bekanntlich lieber, statt sie freudig aus der Taufe zu heben. Ganz anders die Partnerprojekte der NRW-Stiftung: Bei der Fahrt durchs Land ist das Stiftungslogo fast immer in der Nähe, angebracht an lohnenden Zielen vom Römermuseum bis zum Radioteleskop und von der Flussaue bis zur Heideschäferei. Für Orientierung sorgen Apps oder Broschüren, und besonders gut fährt es sich als Mitglied im Förderverein der Stiftung, dem außer mehreren Tausend Einzel­personen und Familien auch sämtliche Kreise und kreisfreien Städte NRWs angehören, ebenso wie die meisten der übrigen Kommunen und zahlreiche Vereinigungen und Firmen. Bleibt die Frage: Wie begann diese große Geschichte?

 

Vision mit Vorbild

 

Mitte der 1980er Jahre reisten drei Vertreter des nordrhein-west­fälischen Landtags nach Großbritannien. Ihre Mission: Als Mitglieder des Kulturausschusses sollten sie sich mit dem „National Trust“ vertraut machen – der altehrwürdigen, schon 1895 gegründeten Organisation, die sich in England, Wales und Nordirland um die Bewahrung von Landschaften und Kulturschätzen kümmert. Ließ sich Vergleichbares auch in Nordrhein-Westfalen schaffen? Die Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau plante jedenfalls eine besondere Gabe zum vierzigsten Geburtstag des Landes. „Wir werden die Grundlage für eine Stiftung Naturschutz, Heimat und Kulturpflege schaffen“, erklärte Rau im Juni 1985 vor dem Landtag. In Anlehnung an das britische Vorbild wolle man „die Eigeninitiative unserer Bürger für Natur, für Kultur und für ihre Heimat herausfordern. Denn nicht alles kann, nicht alles soll der Staat alleine machen.“

Natürlich war es ausgeschlossen, es dem National Trust mit seiner langen Geschichte, seinen Millionen von Mitgliedern und seinen riesigen Besitzungen – darunter Hunderte historische Gebäude und weit mehr als tausend Kilometer Küstenlinie – einfach gleichzutun.Er lieferte aber die entscheidende Anregung für den speziellen inhaltlichen Zuschnitt der NRW-Stiftung, der bis heute einzigen deutschen Landesstiftung, die Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege unter einem Dach bündelt. Sie möge „phantasievoll“ agieren, gab man ihr mit auf den Weg, eine Vision, für die sich in keiner Schublade Formular und Stempel fanden. Doch die Stiftung ist auch keine Behörde, die Engagement verwaltet, sondern eine privatrechtliche Organisation, die Engagement unterstützen und inspirieren, kurz „anstiften“ möchte.

Dass der mit britischen Zutaten frischgebackenen Einrichtung ihr erstes Vorhaben vom Storch in die Wiege gelegt wurde, schildert unsere Titelgeschichte. Zwei weitere Auftaktprojekte betrafen den Erhalt von Zechentürmen in Castrop-Rauxel (s. Kasten) und die Restaurierung des Aachener Marienschreins, jenes goldenen Prunkgehäuses, das laut Legende unter anderem die Windeln Jesu birgt. Doch bevor die praktische Arbeit 1987 tatsächlich losgehen konnte, musste auch die Stiftung mit der Lizenz zur Phantasie erst einmal Geschäftsführung und Gremien, sprich: Stiftungsrat und Stiftungsvorstand, installieren. Als vierter Pfeiler kam 1988 der schon erwähnte Förderverein hinzu – gegründet, weil die Stiftung selbst keine Mitglieder aufnehmen konnte. Bei unterschiedlicher Rechtsgrundlage bilden beide Organisationen zusammen ein tatkräftiges Ganzes unter gemeinsamer Geschäftsführung.

 

Schaufenster der Projekte

Nach dem dreifachen Startschuss stieg die Zahl der Förderungen so rasch an, dass bereits 1989 die erste Ausgabe des Magazins erschien, das Sie gerade lesen. Als „Schaufenster der Projekte“ sollte die „Stiftungszeitung“, wie sie zunächst genannt wurde, über alte und neue Initiativen berichten. Allerdings beschränkte sich der Fensterbummel vorerst auf spärliche sechzehn Seiten in spröder Schreibmaschinenästhetik. Selbst Topthemen wurden in wenigen Zeilen abgehandelt, zum Beispiel das eben erst erworbene Schloss Drachenburg im Siebengebirge, sanierungsbedürftiges Wahr­zeichen der Rheinromantik, das dem Publikum als „kuriose Burg“, „Pompschloss“ und „bizarres Denkmal“ vorgestellt wurde –„einfach furchtbar schön“.

Man merkt es der Wortwahl an, es fiel seinerzeit noch schwer, historistische Baukunst nicht nur als theatralische Kulisse zu betrachten. Heute präsentiert sich das „rheinische Neuschwanstein“, das bislang aufwendigste aller Stiftungsprojekte, hingegen genauso selbstbewusst wie andere bedeutende Baudenkmäler – und zwar keineswegs erst, seit die bayerischen Märchenschlösser Ludwigs II. die Befähigung des Historismus sogar zum Weltkulturerbe erwiesen haben. Die Kosten des Projekts indes waren immens, was umso mehr ins Gewicht fiel, als es schon zu Beginn der 1990er Jahre finanziellen Alarm gab: Die Rubbelerträge stagnierten.

 

  1. Eins der drei „Urprojekte“: Die Rettung des Förderturms von Zeche Erin Schacht 7. In Castrop-Rauxel begann so das konstante Engagement der Stiftung für den Erhalt prägender Industriedenkmäler.
  2. Spielzeug bildet einen Sammelschwerpunkt des LVR- Freilichtmuseums Kommern. Die NRW-Stiftung half in den 1980er Jahren beim Ankauf der „Sammlung Klein“, die Spielsachen aus über zweihundert Jahren umfasst.
  3. Das „Rheinische Neuschwanstein“ – Schloss Drachenburg auf dem Drachenfels im Siebengebirge. Das imposante Beispiel rheinischer Burgenromantik wurde 1884 vollendet. Es steht seit 1986 unter Denkmalschutz. 1989 wurde es Eigentum der NRW-Stiftung, die Sanierung zu einem ihrer größten Projekte.
  4. Das Naturschutzgebiet Zwillbrocker Venn im westlichen Münsterland. Das Engagement der NRW-Stiftung für den Flächenankauf im Zwillbrocker Venn bietet ein frühes Beispiel für grenzüberschreitende Projekte – hier per Kooperation der Biologischen Station Zwillbrock mit den niederländischen Nachbarn.
  5. WDR-Redakteur und Hobbythek-Mann Jean Pütz Pütz gehörte zu den ersten Mitgliedern des Fördervereins der NRW-Stiftung und schrieb für die ersten Magazine kurze Beiträge. Für die Eifeler Narzissenwiesen, die schon in Ausgabe 1 Thema waren, übernahm er später die Patenschaft.
  6. Heidschnucken in der Senne, der wichtigsten zusammenhängenden Heidelandschaft in NRW. Beweidung ist für die Heideflächen essenziell. Der im Magazin angekündigte Schafstall wurde 1991 fertiggestellt, finanziert durch die Stiftung. In der Lammzeit bietet er Platz für fünfhundert Mutterschafe samt Nachwuchs.
  7. Auch die Restaurierung des Aachener Marienschreins zählte zu den allerersten Projekten. Im Magazinbeitrag hieß es, die von der NRW-Stiftung finanzierte Restaurierung werde mindestens bis 1995 dauern – tatsächlich war sie erst im Jahr 2000 abgeschlossen.

Parlament und Paten

Seit 1991 hat die NRW-Stiftung ihren Sitz in der Düsseldorfer Roßstraße 133, wo sie sich mit der bereits erwähnten Kunststiftung ein denkmalgeschütztes Gebäude von 1895 teilt. Ursprünglich als preußisches Offizierskasino errichtet, diente es in den 1920er Jahren zeitweilig als Rundfunkstudio und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vom Land genutzt, das es schließlich als „Haus der Stiftungen“ an die beiden Organisationen übergab. Mit seiner repräsentativen Architektur eignet es sich auch für festliche Veranstaltungen. Doch für einige besonders herausragende Momente ihrer Geschichte benötigte die NRW-Stiftung größere Bühnen, so für den ganztägigen Kongress „Heimat NRW“, der 2011 zu ihrem 25. Gründungsjubiläum im Düsseldorfer Landtagsgebäude stattfand.

Der Ort war symbolträchtig, denn eine Organisation, die sich als Partnerin und damit auch als Anwältin des Ehrenamts versteht, muss im politischen Umfeld bemerkbar sein. Mit parlamen­tarischen Abenden, Ausstellungen, Tagungen und der Vorlage ausführlicher Jahresberichte sorgt die NRW-Stiftung für die entsprechende Aufmerksamkeit und Transparenz. Was nicht heißen soll, dass sie auf Veranstaltungen für die Menschen im Land weniger Wert legt. Ganz im Gegenteil: Legendär etwa die zusammen mit WestLotto durchgeführten mehrtägigen NRW-Radtouren oder die Eifeler Narzissenfeste unter Anwesenheit von WDR-Legende Jean Pütz, Fördervereinsmitglied der ersten Stunde und einer von mehreren Prominenten, die 1991 Patenschaften für besonders ambitionierte Naturschutzprojekte übernahmen.

Bewahren im Wandel

Im Gründungsjahr der NRW-Stiftung hatte das Zechensterben längst große Ausmaße angenommen, doch dauerte es noch über dreißig Jahre, bis die Steinkohleförderung in Nordrhein-Westfalen – und damit in Deutschland – endgültig endete. Die Stiftung begleitete den Strukturwandel auf ihre Weise, indem sie immer wieder half, die Erinnerung an prägende Zeiten zu bewahren. Zu ihren ersten Projektpartnern gehörte dabei der „Erin-Förderturm-Verein“, der sich für den Erhalt eines Fördergerüsts und eines Hammerkopfturms der 1983 geschlossenen Zeche Erin in Castrop-Rauxel einsetzte. Viele markante Zeugen der Bergbau-, Wirtschafts- und Verkehrsgeschichte wurden seitdem, natürlich nicht nur im Ruhrgebiet, mit Stiftungsgeldern gerettet. Die Erfolgsformel lautete oft „Erhalten durch Nutzen“. Der Bahnhof als Begegnungszentrum, die Textilfabrik als Theater, die Maschinenhalle als Museum – die Lösungen sind vielfältig.

 

Nagende Neugier

Spektakulären Erfolg hatte eine landesweite „Schatzsuche“ zum zehnjährigen Stiftungsjubiläum 1996, an der sich zwanzigtausend Schulkinder und ihre Familien beteiligten. Nicki Nuss fehlte damals allerdings noch. Das Eichhörnchen mit der nagenden Neugier, dessen Name in einem Kinderwettbewerb ermittelt wurde, erblickte erst 2003 das Licht der Welt, zuerst als Maskottchen der für die Jüngsten konzipierten Webseite „nrw-entdecken“. Die Stiftung selbst ging schon im Jahr 2000 online. Es wäre aber müßig, die Vielzahl ihrer aktuellen Netzaktivitäten – darunter die monatliche Podcast-Reihe „Förderbande“ – in einem Printmagazin zu beschreiben. Alles lässt sich direkt im Netz erkunden. Im Übrigen sind öffentlichkeitswirksame Medien natürlich keine Erfindung des Streamingzeitalters. In den 1990er-Jahren warben gelegentlich sogar Kinospots für das Anliegen der Stiftung.

Wo steht die NRW-Stiftung im Jahr 2026? Eindeutig auf festem, wenngleich bisweilen von Gewässern durchzogenem Boden, gehören ihr doch beinahe 7.500 Hektar Naturschutzflächen. Sie weiß um den Wert stabiler Fundamente, denn rund zwanzig prägende Bauwerke sind ebenfalls ihr Eigentum, darunter malerische Zeugen der Geschichte wie Haus Rüschhaus in Münster, einst Wohnort von Annette von Droste-Hülshoff. Auch moderne Museumsarchitekturen gehören dazu, so das Neanderthal Museum in Mettmann oder das „Relígio“, das „Westfälische Museum für religiöse Kultur“ in Telgte. Die wichtigste Basis der Stiftungstätigkeit hat jedoch einen anderen Namen. Er lautet Kooperation.

Der Begriff Projekt ist in der Welt der NRW-Stiftung fast immer ein Kürzel für Projektpartnerschaft. Sie steht ehrenamtlichen Initiativen nicht nur finanziell, sondern auch beratend zur Seite und hilft, Kräfte wirksam zu bündeln. Last not least bekennt sie sich zu einer „Heimat ohne Hindernisse“ und berücksichtigt daher seit 2013 bei Förderanträgen ausdrücklich auch Aspekte von Inklusion und Migration (im Sinne von Integration). Grenzüberschreitendes Zusammenwirken ist ebenfalls möglich: Das Koekkoek-Haus in Kleve – Museum der Romantik in Stiftungseigentum – wäre ohne die Zusammenarbeit mit Menschen und Institutionen in den Niederlanden, aus denen der Landschaftsmaler Barend Cornelis Koekkoek (1803–62) kam, schlicht undenkbar.

 


Hand in Hand

Von internationaler Bedeutung sind die Welterbestätten, mit denen die Stiftung kooperiert. Haus Bürgel in Monheim – ehemaliges römisches Kleinkastell am Niedergermanischen Limes – gehört ihr sogar. Es bietet als Sitz einer Biologischen Station zugleich ein anschauliches Beispiel für das Zusammengehen von Kultur und Naturschutz. In unmittelbarer Nähe erstreckt sich eine der letzten großflächigen, für den Hochwasserschutz bedeutenden Überschwemmungsauen des Niederrheins. Die Juli-Flut des Jahres 2021 hat dieses Thema stärker denn je im öffentlichen Bewusstsein verankert und die Förderwürdigkeit von Auenschutzprogrammen unterstrichen. Sie stellte die NRW-Stiftung aber auch vor die Herausforderung, teilweise schwer geschädigte Projekte in rascher Folge zu kontaktieren und durch ein Sofortprogramm zu unterstützen – die bislang größte Bewährungsprobe für ihre Fähigkeit zu einem kooperativen Hand-in-Hand ganz ohne lange Vorlaufzeiten.

Was einst mit drei Projekten begann, hat sich in vierzig Jahren zu einem breiten Panorama entfaltet, in dem sich ein Land voller Ideen und Initiativen spiegelt. Kaum ein Thema der NRW-­Geschichte oder NRW-Natur, das sich nicht anhand eines der inzwischen fast viertausend Stiftungsprojekte veranschaulichen ließe. Schon zum 25. Stiftungsjubiläum 2011 war das Angebot groß genug für eine Buchkassette mit acht regional gegliederten Reiseführern. Inzwischen ist es vor allem die Smartphone-App „entdecke.nrw“, die den Weg zu Museen und Mooren, Burgen und Biologischen Stationen, Industriedenkmälern, Heideflächen, Kulturzentren und Ausgrabungen weist. Wer sich aufmacht, kann die jetzige Aussage von Stiftungspräsident Uhlenberg bestätigen: „Die NRW-Stiftung ist als größte und wichtigste Stiftung für die Menschen und ihre Heimat in Nordrhein-Westfalen längst unverzichtbar geworden.“

Text: Ralf J. Günther

Achtzig Jahre NRW

Bei der Gründung Nordrhein-Westfalens fügte die britische Militärregierung 1946 zwei ehemals preußische Provinzialgebiete zusammen: Westfalen und das nördliche Rheinland. Der Vorgang ist als „Operation Marriage“ in die Geschichte eingegangen, wobei die „Vermählung“ der beiden Landesteile nicht zuletzt die politische Teilung des Ruhrgebiets verhindern sollte. 1947 schloss sich das Land Lippe an.

Fraglich blieb aber, ob sich die Menschen je mit dem neuen Gebilde identifizieren würden. Eine Sendereihe des WDR betonte zwar in den 1960er Jahren – unter Verweis auf rheinisch-westfälische Verflechtungen schon im Mittelalter – „unser nordrhein-westfälischer Staat“ sei ein „geschichtlich durchaus sinnvolles Gebilde“. Doch klang das ziemlich abstrakt. Die Reden von Ministerpräsident Johannes Rau in den 1980er Jahren setzten demgegenüber ein rheinisch-westfälisches „Wir-Gefühl“ gern als gegeben voraus, wenn auch offenkundig, um es so bei vielen erst einmal zu wecken. Zugleich ergriff die Regierung konkrete Maßnahmen zur Stärkung des Landesbewusstseins. Die Geburt der NRW-Stiftung markierte hier einen Meilenstein. Weitere Gründungen mit spezielleren Themen folgten, darunter 1989 die „Kunststiftung NRW“ (so der heutige Name) und 1991 die Filmstiftung, die mittlerweile „Film- und Medienstiftung NRW“ heißt.