Schleifen statt einer geraden Linie: Der Fluss Alme im Kreis Paderborn wurde in den vergangenen Jahren umfangreich renaturiert. Zuletzt wurde ein neuer Abschnitt mitten in Büren fertiggestellt. Tiere und Pflanzen kommen zurück und helfen beim Projekt manchmal sogar tatkräftig mit.
Von der Quelle im Hochsauerland bis zur Mündung in die Lippe bei Paderborn sind es nicht einmal 60 Kilometer: Wegen ihrer Länge sorgt die Alme nicht für übermäßige Aufmerksamkeit. Doch als Gewässer, das aus mehr als 100 Karstquellen entspringt, abschnittsweise unterirdisch verläuft und als einziger Fluss Münster- und Sauerland in Nord-Süd-Richtung verbindet, kann die Alme mit einigen Besonderheiten aufwarten. An einem weiteren Markenzeichen arbeiten Naturschützer, Wasserverbände und die umliegenden Städte und Gemeinden seit zwei Jahrzehnten gemeinsam mit der NRW-Stiftung: Die Alme soll durch die schrittweise Renaturierung zu einem Modell für gelungenen Natur-, Klima- und Hochwasserschutz für ganz Nordrhein-Westfalen werden.
Schon mehr als 100 Hektar Flussaue hat die NRW-Stiftung seit Beginn der 2000er Jahre im Almetal erworben, um dem Fluss dort wieder zu einstiger natürlicher Schönheit zu verhelfen. Einige Projekte sind abgeschlossen, weitere derzeit in der Planung. Schritt für Schritt wandelt sich das Flüsschen vom begradigten Kanal zum frei fließenden Wildfluss.
Besonders eindrucksvoll lassen sich die Erfolge der Renaturierung bei Büren-Ringelstein erleben. Zwischen 2018 und 2024 sind Fluss und Aue dort auf 40 Hektar wieder in einen naturnahen Zustand versetzt worden. Was einfach klingt, ist ökologisch komplex und handwerklich echte Knochenarbeit. Auf dem gut zwei Kilometer langen Talabschnitt musste die Alme mit Baggern und Raupen aus ihrem Korsett befreit werden, das ihr durch Begradigung über 200 Jahre hinweg angelegt worden war. Heute windet sich der Fluss wieder in den für einen natürlichen Verlauf charakteristischen Schlingen durch das Tal.




Amphibien und Libellen reagieren am schnellsten
Ein wichtiges Element jeder Renaturierung ist das Entfernen von Drainagerohren und das Verfüllen von Gräben, die vor langer Zeit angelegt wurden, um möglichst rasch möglichst viel Wasser abzuführen. Mit diesen Maßnahmen haben frühere Generationen zwar entlang vieler Flüsse trockenes Land geschaffen, das sich nutzen ließ. Doch die Rechnung für den schnellen Abfluss großer Mengen Wassers zahlten oft Regionen, die weiter flussabwärts liegen – in Form von Hochwasser. Entlang der renaturierten Partien der Alme darf das Wasser nun wieder dort über das Ufer treten, wo es im natürlichen Prozess hingehört: in die Aue. Entstanden sind zeitweise flach überschwemmte Bereiche, die wertvolle Refugien für Amphibien, Pflanzen und Insekten sind. Amphibien reagierten als erste auf die neu geschaffene Natur, erinnert sich Karsten Schnell, der für die Biologische Station Paderborn-Senne das Alme-Projekt seit vielen Jahren begleitet. „Die Bestände von Grasfrosch und Erdkröte sind nach der Vernässung durch die Decke gegangen.“




Die Alme wird langsamer – und länger
Eine weitere Folge der Renaturierung: Der Flusslauf ist deutlich länger geworden. Statt fast schnurgerade auf 2,4 Kilometern durchströmt die Alme das Gebiet bei Ringelstein mit vielen Windungen nun auf fast viereinhalb Kilometer Länge. Die Landschaft so umzugestalten, erfordert schweres Gerät und viel wasserbaulichen Sachverstand. Diese beiden Schlüsselkomponenten steuert der Wasserverband Obere Lippe (OWL) bei.
Um Fluss und Aue wieder miteinander zu verbinden, mussten der im Laufe der Jahre durch den schnellen Wasserfluss tief in sein Bett eingegrabene Verlauf angehoben, Schlingen und Flutmulden gebaggert und flache Vertiefungen angelegt werden, in denen sich das Wasser auch nach dem Ablaufen des Hochwassers noch halten kann, um Amphibien Laichplätze und Vögeln ein Jagdrevier auf Würmer und Kaulquappen zu bieten.
Um die Fließgeschwindigkeit zu mindern und mehr Vielfalt an Durchströmungsmustern zu schaffen, wurden zahlreiche tote Bäume in den Wasserlauf eingebracht. Oberhalb dieser Barrieren staut sich das Wasser, an anderen Stellen fließt es in schmalen Rinnen schneller: Jeder Abschnitt bietet so ein Mikro-Habitat für viele Lebewesen. Eisvögel jagen an den Stau-Bereichen nach Fischen, Libellen finden im Totholz Stellen zum Sonnenbaden und Wasseramseln wissen die durch die hölzernen Barrieren entstandenen Mini-Wasserfälle zur Insektenjagd zu nutzen.

Kies als Grundlage fürs Flussbett
Besonders wertvoll ist für die Wasserbauer und Naturschützer das ursprüngliche Kiesbett der Alme. Über die lange Zeit der gestörten Wasserdynamik hat sich eine Lehmschicht im Fluss gebildet, die stellenweise über einen Meter mächtig ist. Anders als im natürlicherweise lockeren Bett aus Sand und Kies können sich dort kaum Fische fortpflanzen oder Nahrung finden. Also galt es, möglichst viel des Kiesbodens bei den Baggerarbeiten zu sichern und auf dem Boden der neu angelegten Flussschlingen zu platzieren, um den Grundstein für ein natürliches Flussbett zu legen.
Die Aue entlang der Alme wird in den Projektgebieten durch Rinder beweidet. Die Tiere sind keine Nebensache, sondern wichtige Bestandteile des Naturschutzkonzepts: Denn neben der Wasserdynamik des Flusslaufs sind sie es, die eine naturnahe Gestaltung der Aue prägen. Weidetiere schaffen mit jeder ihrer Verhaltensweisen Mikro-Habitate und damit Lebensraum für andere Tier- und Pflanzenarten. Ganz wie ihre wilden Vorfahren – Auerochse, Wildpferd oder Wisent – die über Jahrtausende das Landschaftsbild prägten und das Ökosystem formten: Sie fressen, trampeln und wälzen sich. So erwächst Vielfalt – etwa durch gestampfte Löcher im Boden, in denen sich Wasser sammelt und Lebensraum für Insekten und Amphibien entsteht. Die Tiere halten die Vegetation kurz und lassen damit Licht an Stellen, die sonst schattig blieben. Und sie setzen große Mengen von Kot ab, eine der wichtigsten Ressourcen im Naturkreislauf. Der Dung sorgt für Stickstoff, der das Pflanzenwachstum fördert und Würmer und Käfer anlockt – von denen wiederum Vögel und Fledermäuse leben.
Zuletzt konnte im vergangenen Herbst ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einer renaturierten Alme abgeschlossen werden. Weiter flussabwärts auf Bürener Stadtgebiet wurde der Fluss auf zehn Hektar „befreit“. Auch hier wurden Schlingen und Windungen angelegt, die Fließgeschwindigkeit verringert und möglichst viel des natürlichen Flussbetts geborgen und neu ausgebracht. Nachdem Bagger und Raupen ihre Arbeit getan haben, übernehmen auch hier nun Weiderinder die „Feinarbeiten“ als Landschaftsgärtner.
Die Renaturierung auf dicht besiedeltem Gebiet dient auch einem besseren Hochwasserschutz. Wo die Alme nun wieder mehr Platz hat, unschädlich über die Ufer zu treten, sind die angrenzenden Häuser weniger stark gefährdet. Erste Bewährungsproben durch winterliche Hochwasser haben Fluss und Anwohner bereits bestanden. Derzeit laufen an zwei weiteren Abschnitten die Planungen für eine Umgestaltung: im Paderborner Stadtteil Schloss Neuhaus und im Bürener Ortsteil Brenken.
Podcast: Alles im Fluss

Vom begradigten „Kanal“ zum lebendigen Fluss: Die vielen Stationen der Renaturierung und das Engagement vieler Menschen dafür zeichnet der Podcast „Förderbande – Alles im Fluss“ der NRW-Stiftung am Beispiel der Alme nach. Fachleute berichten, wie der Fluss durch Flächenkäufe wieder Raum bekommt, Ufer geweitet und Mäander neu geschaffen wurden. Die Folge zeigt anschaulich, wie Auen entstehen, die Wasser speichern, Hochwasser bremsen und neuen Lebensraum für Tiere schaffen – und warum manchmal auch schwere Bagger das Mittel der Wahl sind, um mehr Natur zu schaffen.
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Erste Erfolge sind sichtbar
Fast zehn Jahre nach Beginn der Renaturierung sind die Erfolge deutlich sichtbar. Schwarzstörche gehen in der Alme-Aue auf Fisch- und Amphibienjagd; Bachforelle, Groppe und Bachneunauge leben im Fluss und Fischotter setzen an, das Gebiet zu besiedeln – ein weiterer Nachweis für eine sehr gute Gewässerqualität.
Ein besonders engagierter Fan natürlicher Flussauen-Landschaften hat sich inzwischen freiwillig zu Renaturierungsarbeiten gemeldet: der Biber. Seit zwei Jahren ist er an der Alme auf dem Vormarsch. Wenn der unermüdliche Baumfäller auch gelegentlich eine Stelle unter Wasser setzt, die manche Menschen lieber trocken sähen, ist sein Wert für das Ökosystem doch kaum zu überschätzen. Karsten Schnell ist voll des Lobes. „Für die Renaturierung hat sich die Rückkehr der Biber als echtes Plus erwiesen“, sagt er. Manchmal erweisen sich die felligen Hochwasserexperten sogar als milde Kritiker der menschlichen Versuche, die Landschaft natürlich aussehen zu lassen. Ist ein im Zuge der Renaturierung als Barriere in den Fluss gelegter Baumstamm ihm nicht hoch genug, „ergänzt“ er das menschliche Werk mit Ästen und kleinen Stämmen, bis es eine aus Bibersicht angemessene Größe hat. „Einige von uns angestaute Bereiche hat er so in dauerhaft komplett überschwemmte Zonen umgestaltet“, sagt Schnell.
Gerade weil Biber ihren eigenen Kopf haben, gehören sie für den Naturschützer zwingend zu einer natürlichen Fluss- und Auenlandschaft. „Wir müssen uns davon verabschieden, dass wir Natur statisch am Reißbrett auf einer Karte planen“, hat Schnell gelernt. „Es kann sein, dass der Biber kommt und alle Pläne ändert“. Was in landwirtschaftlich stark genutzten oder dicht besiedelten Gegenden zu Problemen führen kann, wird in den Renaturierungsgebieten an der Alme wohlwollend toleriert. „Hier darf er machen, was er für richtig hält“, betont der Biologe. „Wir sind einfach froh, dass er da ist.“
Text: Thomas Krumenacker
Blickpunkt

Ein Fluss im neuen Gewand: Seit den 2000er-Jahren hat die NRW-Stiftung bereits mehr als 100 Hektar Aue im Almetal erworben, um dem einzigartigen Karstfluss wieder zu ursprünglicher natürlicher Schönheit zu verhelfen. Auch durch den Einsatz schwerer Bagger wurde die Alme aus dem Korsett der Begradigung befreit, wurden Ufer aufgeweitet und die natürliche Flussdynamik wieder hergestellt. Das Projekt verbindet Hochwasserschutz, Anpassung an den Klimawandel und den Schutz der Artenvielfalt – ein Modell für nachhaltige Flussentwicklung in NRW. Seit Beginn der 2000er Jahre hat die NRW-Stiftung fast 3,5 Millionen Euro in das Projekt investiert.






















