Die Rückkehr der Glücksbringer

40 Jahre Weißstorchrettung: Eine Erfolgsgeschichte

Störche im Anflug

Foto: blickwinkel/M. Woike

 

Von drei auf über 1.000 Paare in vier Jahrzehnten – keine Vogelart hat je in NRW ein derartig erfolgreiches Comeback gefeiert wie der Weißstorch. Die Rückkehr der Kinderboten zeigt, dass gezielte Naturschutzmaßnahmen zu kaum für möglich gehaltenen Erfolgen führen können. Den wichtigsten Beitrag zu dem spektakulären Aufschwung haben aber nicht Menschen geleistet, sondern die Störche selbst.


Rolf Bense erinnert sich noch gut an die fast storchenlose Zeit. Zu Beginn der 1990er Jahre waren die Zahlen der brütenden Weißstörche in NRW auf ein Rekordtief gesunken. Nur noch zwei der drei verbliebenen Paare zogen nahe der Landesgrenze mit Niedersachsen erfolgreich ihre Jungen auf – vor der Haustür von Storchenschützer Bense in der Weseraue bei Petershagen im Kreis Minden-Lübbecke. „Damals waren sich fast alle Experten einig, dass auch die letzten Störche in NRW bald verschwinden würden“, sagt der Naturschützer. Die jahrhundertelange Entwässerung von Auen entlang von Flüssen und Bächen, die stetige Intensivierung der Landwirtschaft und der damit einhergehende Verlust von Feuchtgrünland sowie hohe Verluste unter den Störchen auf ihren Zugwegen in die afrikanischen Überwinterungsquartiere hatten die Bestände dramatisch schrumpfen lassen. „Damit wollten wir uns natürlich nicht abfinden“, erinnert sich Vogelschützer Bense. 1987 gründete er gemeinsam mit Gleichgesinnten das „Aktionskomitee Weißstörche im Kreis Minden-Lübbecke“, um die letzten Refugien der eindrucksvollen Vögel in der Region und damit für ganz NRW zu bewahren.

Die fast zur gleichen Zeit gegründete NRW-Stiftung unterstützte die Arbeit der Vogelschützerinnen und Vogelschützer von der ersten Stunde an: Feuchte Wiesen und Weiden, auf denen die Vögel auf die Jagd nach Fröschen, Mäusen, Regenwürmern und Insekten gehen konnten, wurden von der Stiftung aufgekauft und so gesichert. Bis heute konnten allein in der Weseraue und den benachbarten Bastauwiesen rund 450 Hektar Land von der Stiftung erworben werden.

Gezielte Renaturierungsmaßnahmen durch die Ehrenamtlichen des Aktionskomitees und die Fachleute der Biologischen Station Minden-Lübbecke erhöhten den ökologischen Wert vieler Flächen zusätzlich. In den ersten Jahren war auch das Aufstellen von Nisthilfen ein wichtiger Teil des Storchenschutzes. „Das Engagement der NRW-Stiftung und anderer war enorm wichtig“, betont Bense. „Flächenkauf, Renaturierungen und die Sicherung des verbliebenen Feuchtgrünlands – das griff zwar nicht über Nacht, erwies sich mit der Zeit aber als echtes Erfolgsrezept.“

 


Es dauerte einige Jahre, bis sich die die Storchenbestände an der Weser langsam erholten. Doch dann bildeten die Schutzmaßnahmen im äußersten Norden Nordrhein-Westfalens die Keimzelle für den Storchenaufschwung auch andernorts. Nach und nach wurden entlang der Flüsse einstige Brutgebiete wiederbesiedelt, allen voran am Niederrhein, der sich heute neben der Weseraue zur Hochburg der Störche in NRW gemausert hat. „Ohne die Flächenkäufe und andere Unterstützungsmaßnahmen hätte es diesen Aufschwung nicht gegeben“, ist sich auch Michael Jöbges sicher, der den landesweiten Storchenschutz für die Nordrhein-Westfälische Ornithologengesellschaft koordiniert. „Der Weißstorch ist ursprünglich ein Auenvogel“, erläutert er. „Er braucht extensiv genutztes Grünland mit eingestreuten Kleingewässern – genau das wurde in der Weseraue, am Niederrhein, an Lippe und Ruhr wiederhergestellt.“

Auch Tiere aus einem groß angelegten Wiederansiedlungsprogramm für Weißstörche in den benachbarten Niederlanden dürften das Comeback der Störche in NRW unterstützt haben. Im Nachbarland waren die Störche ebenfalls durch die intensive Landnutzung an den Rand des Aussterbens geraten: 1984 gab es nur noch fünf Brutpaare. Als Reaktion wurde ein landesweites Rettungsprogramm ins Leben gerufen, in dessen Rahmen über viele Jahre hinweg Störche in Volieren gezüchtet und anschließend ausgewildert wurden.


2025 knackten die Störche die 1.000er-Marke

Rund vier Jahrzehnte nach dem Fast-Aussterben der Weißstörche in NRW hat sich das Bild grundlegend gewandelt. Die markant weiß-schwarz gefiederten Vögel mit dem mächtigen knallroten Schnabel sind heute wieder ein fester Bestandteil der Landschaft in allen für sie geeigneten Regionen Nordrhein-Westfalens.

„Die Zahlen sind berauschend“, freut sich Storchenschützer Bense. Allein im Kreis Minden-Lübbecke, der Keimzelle der Wiederbesiedlung, gibt es heute wieder fast 200 Weißstorch-Paare. Landesweit übersprang die Zahl der Brutpaare im vergangenen Jahr erstmals die Marke von 1.000. So viele Weißstörche wie heute gab es wohl noch nie zwischen Rhein und Weser. Nordrhein-Westfalen ist damit auch im deutschlandweiten Vergleich inzwischen wieder zu einem echten Storchenland geworden. Bundesweit rangiert es an fünfter Stelle, fast gleichauf mit dem traditionell besonders storchenreichen Brandenburg.

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Mit der Zunahme der Störche ändern sich teilweise auch die Maßnahmen zu ihrem Schutz. So ist das Anbringen von Nisthilfen zur Storchenförderung heute nur noch punktuell nötig. Längst haben die Vögel gezeigt, dass sie als echte Wildtiere problemlos in der Lage sind, ganz ohne menschliche Unterstützung kunstvolle und schwergewichtige Horste auf Bäumen, Schornsteinen oder Gittermasten zu bauen.

 


Neuer Zugweg, höhere Überlebensrate

Kein Zweifel: Die Rückkehr des Weißstorchs ist der wohl größte Erfolg des Artenschutzes der vergangenen Jahrzehnte in Nordrhein-Westfalen. Sie ist das Ergebnis eines gelungenen Zusammenspiels aus gezielten Naturschutzmaßnahmen, langjährigem ehrenamtlichem Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger sowie institutioneller Unterstützung von Behörden, Verbänden und Stiftungen. Bei allem Stolz über das Erreichte will Storchenschützer Bense die Rückeroberung des Landes durch die Störche aber nicht allein als Erfolg für ihre menschlichen Helfer rekla­mieren. „Wir haben kein einziges Ei gelegt“, sagt er schmunzelnd. „Den wichtigsten Beitrag zu ihrem Comeback haben die Weiß­störche selbst geleistet.“ Dem stimmen andere Storchenexperten zu. Auch sie sehen den Grund für die Erholung der Population zum einen in der Sicherung des Lebensraumes und zum anderen in der Verhaltensänderung der Vögel selbst: Innerhalb weniger Generationen haben sie ihre über Jahrtausende der Evolution entstandene und genetisch programmierte Zugroute in die Winterquartiere radikal verändert.

Weißstörche sind sogenannte Langstreckenzieher, die traditionell je nach Herkunft zwei Routen zwischen Zentraleuropa und dem südlichen Afrika nutzen: eine östliche Route über den Balkan, die Türkei, den Nahen Osten und Ägypten – und eine Westroute über Frankreich, Spanien, die Straße von Gibraltar und Marokko.
 

 

Historisch dominierten in vielen Regionen, darunter großen Teilen Nordrhein-Westfalens, die „Ostzieher“. Doch diese Flugroute ist für die Vögel deutlich strapaziöser und verlustreicher: Sie ist fast doppelt so lang, klimatisch extremer und viel gefährlicher, weil die illegale und legale Jagd auf Zugvögel dort weitaus verbreiteter ist als entlang des westlich verlaufenen Zugkorridors am Himmel. Seit einiger Zeit hat sich das Verhalten der Störche aber grundlegend geändert: Immer mehr Störche nutzen die westliche Route. Zudem haben die Vögel entdeckt, dass sie auch in Spanien oder sogar Südfrankreich den Winter verbringen können, ohne zu frieren. Viele ersparen sich deshalb inzwischen viele tausend Kilometer anstrengender Weiterreise nach Afrika. Neben dem Klimawandel mit milderen Wintertemperaturen spielt dabei auch der Mensch eine wichtige Rolle. Denn die Störche haben herausgefunden, dass sich auf Müllkippen in Südfrankreich, Spanien und Marokko ausgezeichnet Nahrung finden lässt. Ungesünder scheint es dort nicht zu sein, denn wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass die Störche nicht den Müll fressen, sondern es auf die zahlreichen Mäuse und Ratten abgesehen haben, die Müllkippen besiedeln.

Der Zug über die Westroute und die Überwinterung in heimatnäheren Gefilden hat einen weiteren entscheidenden Vorteil für die Störche: Ihr Rückweg ist um viele tausend Kilometer kürzer als der ihrer Artgenossen, die weiter über die Ostroute ziehen. Das bedeutet, dass diese „Weststörche“ im Frühjahr oft einen vollen Monat früher wieder in den Brutgebieten eintreffen und sich die besten Brutplätze aussuchen können.

Inzwischen haben sogar Weißstörche aus so weit östlich gelegenen Brutgebieten wie Polen umgestellt und ziehen über die Westroute. In Nordrhein-Westfalen schätzen Experten wie Bense und Jöbges den Anteil der Westzieher inzwischen auf annähernd 100 Prozent ein. „Wir hätten nicht für möglich gehalten, dass eine Art ihr Verhalten so stark ändern kann“, sagt auch Kai-Michael Thomsen. Der Storchenexperte des NABU-Bundesverbands sieht die geänderten Zugrouten als den mit Abstand wichtigsten Grund für den Siegeszug der Störche in einer Zeit an, in der andere Vogelarten immer stärker um ihr Überleben kämpfen.

 


Alte Gefahren bleiben, neue kommen hinzu

Bei aller Anpassungsfähigkeit der Vögel bleibt aber der Schutz geeigneter Lebensräume in den Brutgebieten auch weiterhin ein entscheidender Schlüssel für einen langfristigen Erfolg des Storchen-Comebacks in Nordrhein-Westfalen. Denn trotz des beeindruckenden Bestandsanstiegs in den vergangenen Jahren können alte und neue Gefahren dem Boom auch wieder ein Ende setzen. Eine der vergleichsweise neuen Gefahren ist die Vogelgrippe – eine hochinfektiöse Virus-Erkrankung, an der schon Millionen Vögel fast überall auf der Erde gestorben sind. Im vergangenen Winter tötete das Virus in der Umgebung der spanischen Hauptstadt Madrid hunderte Weißstörche – in einem Gebiet, in dem auch die Störche aus NRW traditionell gerne den Winter verbringen.

Auch die Energiewende bringt neue Gefahren durch Windkraftanlagen und nicht zuletzt hält der Druck auf die verbliebenen Grünländer überall weiter an. Aus diesen Gründen setzt auch die NRW-Stiftung weiter auf Biotopschutz vor der eigenen Haustüre als wirksamste Maßnahme für eine dauerhafte Erholung von Weißstörchen und vielen anderen Arten.

Neue Refugien werden gesichert

Aktuell erwirbt die Stiftung im Naturschutzgebiet Rauhe Horst–Schäferwiesen bei Lübbecke weitere Flächen, um zentrale Lebensräume für Weißstörche dauerhaft zu sichern und ökologisch weiter aufzuwerten. In den benachbarten Bastauwiesen unterstützt sie die Initiative des Umweltamtes des Kreises Minden-Lübbecke für eine großangelegte Moor-Wiedervernässung durch Grunderwerb. Diese Maßnahmen helfen nicht allein den Weißstörchen: Auch für viele bedrohte Pflanzen-, Amphibien- und andere Vogelarten des feuchten Grünlands wie Kiebitz, Großer Brachvogel, Uferschnepfe, Wiesenpieper und Braunkehlchen ist der Schutz ihrer letzten Lebensräume überlebenswichtig.

Ein Ende Storchenbooms in Nordrhein-Westfalen ist bislang nicht zu erkennen: Die Wachstumsraten haben sich im Vergleich zu früheren Jahren zwar etwas verlangsamt, beobachtet Storchen-Koordinator Jöbges. Aber immer noch wachse die Zahl der Brutpaare derzeit in jedem Jahr um rund 10 Prozent an.

Text: Thomas Krumenacker