Historisch dominierten in vielen Regionen, darunter großen Teilen Nordrhein-Westfalens, die „Ostzieher“. Doch diese Flugroute ist für die Vögel deutlich strapaziöser und verlustreicher: Sie ist fast doppelt so lang, klimatisch extremer und viel gefährlicher, weil die illegale und legale Jagd auf Zugvögel dort weitaus verbreiteter ist als entlang des westlich verlaufenen Zugkorridors am Himmel. Seit einiger Zeit hat sich das Verhalten der Störche aber grundlegend geändert: Immer mehr Störche nutzen die westliche Route. Zudem haben die Vögel entdeckt, dass sie auch in Spanien oder sogar Südfrankreich den Winter verbringen können, ohne zu frieren. Viele ersparen sich deshalb inzwischen viele tausend Kilometer anstrengender Weiterreise nach Afrika. Neben dem Klimawandel mit milderen Wintertemperaturen spielt dabei auch der Mensch eine wichtige Rolle. Denn die Störche haben herausgefunden, dass sich auf Müllkippen in Südfrankreich, Spanien und Marokko ausgezeichnet Nahrung finden lässt. Ungesünder scheint es dort nicht zu sein, denn wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass die Störche nicht den Müll fressen, sondern es auf die zahlreichen Mäuse und Ratten abgesehen haben, die Müllkippen besiedeln.
Der Zug über die Westroute und die Überwinterung in heimatnäheren Gefilden hat einen weiteren entscheidenden Vorteil für die Störche: Ihr Rückweg ist um viele tausend Kilometer kürzer als der ihrer Artgenossen, die weiter über die Ostroute ziehen. Das bedeutet, dass diese „Weststörche“ im Frühjahr oft einen vollen Monat früher wieder in den Brutgebieten eintreffen und sich die besten Brutplätze aussuchen können.
Inzwischen haben sogar Weißstörche aus so weit östlich gelegenen Brutgebieten wie Polen umgestellt und ziehen über die Westroute. In Nordrhein-Westfalen schätzen Experten wie Bense und Jöbges den Anteil der Westzieher inzwischen auf annähernd 100 Prozent ein. „Wir hätten nicht für möglich gehalten, dass eine Art ihr Verhalten so stark ändern kann“, sagt auch Kai-Michael Thomsen. Der Storchenexperte des NABU-Bundesverbands sieht die geänderten Zugrouten als den mit Abstand wichtigsten Grund für den Siegeszug der Störche in einer Zeit an, in der andere Vogelarten immer stärker um ihr Überleben kämpfen.