Das Museum, das den Vogel abschießt

Das Rheinische Schützenmuseum in Neuss

Foto: Werner Stapelfeldt

Foto: Werner Stapelfeldt

Schützen marschieren durch die Zeit, so lautet das Motto des neugestalteten „Rheinischen Schützenmuseums“. Aber natürlich marschieren Schützen nicht nur, sondern sitzen mindestens ebenso gern gesellig beisammen. Daher dient im Museum nun eine Kneipeninszenierung als Raum für Kommunikation und Erinnerung – ein vertrauter, doch kein enger Rahmen für ein großes Thema. Schließlich steht das Schützenwesen in Deutschland schon seit Ende 2015 im „Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes“.


Das größte Stadtschützenfest Deutschlands findet in Neuss statt, wo der Bürgerschützenverein von 1823 jeweils am letzten Augustwochenende des Jahres festliche Umzüge veranstaltet, bei denen sich Tausende in Bewegung setzen und Hunderttausende kommen, um zu schauen und mitzufeiern. Kaum ver­wunderlich angesichts solcher Begeisterung, dass es dem 2004 in Neuss eröffneten Rheinischen Schützenmuseum nicht an ehrenamtlichem Engagement mangelt. Regulär hat hier nur Museumsleiterin Dr. Britta Spies eine Halbtagsstelle, hinzu kommt gleichrangig Archivleiterin Malaika Winzheim. Bei der jüngsten Überarbeitung der Ausstellung regten sich aber viele freiwillige Hände, um Räume vorzubereiten und alte Vitrinen auszubauen.

 

Ein Schluck aus dem Schwein

Typisch museale Schrifttafeln und Großvitrinen hat das Museum durch viele kleine Themeninseln unter klaren Überschriften ersetzt. Geblieben ist der chronologische Gang durch die rheinische Schützengeschichte, die mit den städtischen Schützenbruderschaften des späten Mittelalters begann. Man darf letztere nicht mit den bürgerlichen Vereinen in einen Topf werfen, deren große Zeit erst im 19. Jahrhundert begann. Die alten Schützenbruderschaften übten sich noch in realer Wehrhaftigkeit und waren zugleich in mittelalterlicher Weise als christliche Gemeinschaften organisiert, die an Prozessionen und Beerdigungen teilnahmen, Gebetspflichten hatten und soziale Werke der Nächstenliebe taten.

Dass sich die Bruderschaften durchweg christliche Heilige als Namenspatrone wählten, unterstreicht ihren Doppelcharakter, hatte aus heutiger Sicht manchmal aber auch kuriose Folgen. Es führte zum Beispiel dazu, dass man im niederrheinischen Kalkar bei festlichen Gelegenheiten aus einem Schwein trank. Keine Blasphemie: Der heilige Antonius, nach dem die Kalkarer Bruderschaft benannt war, ist der Schutzpatron von Bauern, Hirten und deren Tieren. Oft zeigen ihn Abbildungen umgeben vom Borstenvieh. Es entsprach also nur der christlichen Bildtradition, dass man sich in Kalkar ein prächtiges Trinkgefäß in Form eines Schweins anfertigen ließ.

 


Kloster, Seifensiederei, Museum

Schützenvereine sind – so das deutsche UNESCO-Büro für immaterielles Kulturerbe – für das soziale und kulturelle Gemeinschaftsleben vor Ort prägend. Das Neusser Museum untermauert diesen Befund anhand zahlreicher Exponate und knüpft aktuelle Fragestellungen daran, etwa im Hinblick auf religiöse Spektren oder die Mitgliedschaft von Frauen in Schützenvereinen. Es befasst sich aber auch mit der Geschichte von Haus Rottels, in dem es untergebracht ist: Das klassizistische Bauwerk stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Zuvor hatte an gleicher Stelle ein Franziskanerkloster gestanden, in das Anfang des 17. Jahrhunderts Jesuiten eingezogen waren. Die Kaufmannsfamilie Rottels hingegen betrieb hier eine höchst weltliche Seifensiederei mit Tran-, Öl- und Lichterhandlung.

1987 durch umfassende Sanierung vor dem Verfall gerettet, wurde das denkmalgeschützte Haus zeitweilig vom Clemens Sels Museum genutzt, bis sich die Stadt, der Rhein-Kreis Neuss und der Bürgerschützenverein zu der Stiftung zusammenfanden, der das Rheinische Schützenmuseum zu verdanken ist. Ihr offizieller Name „Stiftung Rheinisches Schützenmuseum Neuss mit Joseph-Lange-Schützenarchiv“ bezieht sich ausdrücklich auch auf die Sammlungen von Joseph Lange (1911–2007). Der ehe­malige Leiter des Neusser Stadtarchivs hatte schon in den 1950er Jahren begonnen, Dokumente und Materialien zum Schützenwesen zu sichern.

 

Blumenhörner

Die Neusser Blumenhörner gehen auf das späte 19. Jahrhundert zurück, als ausgehöhlte Kuhhörner bei Umzügen für Biervorräte benutzt wurden. Damit der Gerstensaft nicht auf die Straße schwappte, brauchten die Hörner Deckel, meist aus Silber gefertigt. Als 1884 bei einem neuen Trinkhorn der Deckel fehlte, so die Erzählung, wurde es kurzerhand zur mobilen Blumenvase umfunktioniert. Eine Erfolgsidee: Riesige Gestecke in großen Hörnern zählen heute zu den Markenzeichen der Neusser Schützenumzüge.


Tovertafel

Viel Gewicht legt das Museum auf Inklusion. Für Menschen mit kognitiven, etwa dementiellen Beeinträchtigungen wurde daher im erwähnten „Raum der Erinnerungen und Kommunikation“ eine sogenannte Tovertafel, niederländisch für Zaubertafel, installiert. Das Gerät erlaubt es, durch interaktive Lichtprojektionen auf Tischplatten spielerisch zu Gemeinsamkeit, Austausch und persönlicher Erinnerung anzuregen. Das Schützenwesen zählt zu den Paradebeispielen kultureller Ausdrucksformen, die bei sehr langer Tradition immer noch von überragender Gegenwarts­bedeutung sind. Im Übrigen hat Deutschland keineswegs ein Monopol darauf: Schon seit 1975 gibt es das von der „Europäischen Gemeinschaft Historischer Schützen“ in wechselnden Städten ausgerichtete Europaschützenfest.

Text: Ralf J. Günther

Blickpunkt

Die NRW-Stiftung half der „Stiftung Rheinisches Schützenmuseum Neuss mit Joseph-Lange-Schützenarchiv“ bei der Neugestaltungder Ausstellung im denkmalgeschützten Haus Rottels. Das von starkem ehrenamtlichem Engagement unterstützte Museum ist jeweils mittwochs und sonntags geöffnet. Zusätzlich sind Gruppenführungen möglich. www.rheinisches-schuetzenmuseum.de