Geerbtes Wasser, gefördertes Erz

Reinhold-Forster-Erbstolln in Siegen-Eiserfeld

Foto: Jörg Hempel

Die berühmte Rosine, die einen Helm trägt, weil sie in den Stollen muss – im Reinhold-Forster-Erbstollen hätte sie es wahrlich schwer gehabt. Wo Wasser sich sammelt, löst Zuckerwerk sich auf, und Wasser war der Hauptgrund für den Bau des „Erbstollns“, wie er manchmal buchstabiert wird. Vor über zweihundert Jahren begonnen, dient er heute als Schaubergwerk und bedeutender Zeuge der Siegerländer Montangeschichte. Ein kürzlich eröffnetes Grubenhaus erlaubt es jetzt, Interessierte wetterunabhängig zu empfangen und auf Führungen einzustimmen.

Eigentlich ist es ganz einfach: Schächte verlaufen vertikal, Stollen werden horizontal in den Berg getrieben. Die Schreibweise „Stolln“ wiederum ist keine orthografische Schludrigkeit, sondern in manchen Bergbaugebieten durchaus gebräuchlich. Man findet sie auch auf dem Mundloch des Reinhold-Forster-Erbstollens, also auf dem Zugang, durch den die Bergleute einst „in langen Reihen“ zur Arbeit gingen, pardon: einfuhren. Das geschah offenbar recht klangvoll, da „regelmäßiger Gesang bergmännischer Lieder dem Zuge Feierlichkeit und Ernst verlieh“.

 

 

Eisenzecher Gangzug

Seine aufwendige neobarocke Architektur hat das Eiserfelder Mundloch zu einem Wahrzeichen der Siegerländer Bergbaugeschichte gemacht. Es existiert in dieser Form allerdings erst seit 1879, während der Stollen selbst schon 1805 angeschlagen wurde. Der Berg wehrte sich damals mit allen Kräften seines harten Gesteins gegen den Eingriff, weshalb der Vortrieb pro Tag nur wenige Zentimeter vorankam. So dauerte es dreißig Jahre, bis nach knapp dreihundert Metern endlich der Erzgang erreicht war. Absurd? Nur, wenn das Erz das primäre Ziel gewesen wäre. Der eigentliche Zweck des „tiefen Grundstollens“ lag aber in der Entwässerung bereits vorhandener, oberhalb von ihm betriebener Gruben.

Dass die Gegend zwischen Siegen-Eiserfeld und dem heute zu Rheinland-Pfalz gehörigen Ort Dermbach als ergiebiges Revier bekannt war, lag an dem mächtigen, zweieinhalb Kilometer langen „Eisenzecher Gangzug“. Doch je tiefer man in ihn drang, umso mehr Probleme machte dabei das Grundwasser. Die Aufgabe des Erbstollens sollte es daher sein, die Gruben des Eisenzecher Zuges zu unterfangen, um das herabfließende Nass – gegen Gebühr – zu sammeln und in Richtung Sieg abzuleiten. Der Stollen erbte also gewissermaßen die Abwässer der Gruben.

 


Das Siegerländer Erzrevier

Eisen spielte im Siegerland schon zur Zeit der Kelten eine wichtige Rolle, wie etwa der Verhüttungsplatz Gerhardsseifen in Siegen-Niederschelden belegt. Die dortige Ausgrabung ist unter einem von der NRW-Stiftung geförderten Schutzpavillon jederzeit zu besichtigen. Im 19. Jahrhundert wurde die Region durch Stollen und Schächte regelrecht durchlöchert. Noch heute kann es daher zu Absackungen, sogenannten Tagbrüchen kommen. Schlagzeilen machte besonders das „Siegener Loch“ von 2004, das sogar Wohnhäuser beschädigte. Neben Blei, Kupfer, Zink und anderem wurden im Siegerländer Revier bis 1965 insgesamt rund 175 Millionen Tonnen Eisenerz gefördert. Zu den Orten, die daran erinnern, zählt auch der Wodanstolln in Neunkirchen-Salchendorf, ein Partnerprojekt der NRW-Stiftung.

 

Wasser empor

Zunächst lag das Projekt bei einer privaten Gewerkschaft, die auf Dauer aber überfordert war. Daher wurde es 1839 vom Staat Preußen übernommen, der es, kaum dass erstmals Gewinne anfielen, 1866 erneut an eine private Stollengewerkschaft vergab. Dank des technischen Fortschritts verlief der Vortrieb inzwischen deutlich schneller. 1885 betrug seine Länge bereits 2.500 Meter, mit sämtlichen Seitengängen wurden es am Ende mehr als sieben Kilometer. Erz lieferte die Anlage jedoch nur in überschaubaren Mengen und nur bis 1902. Danach trat ihre ursprüngliche Funktion wieder ganz in den Vordergrund. Mit einem Unterschied: Da die Gruben inzwischen schon über tausend Meter tief reichten, musste das störende Nass nun großenteils zum Stollen hinaufgepumpt werden, anstatt zu ihm herabzufließen.

Mit dem Ende des Siegerländer Bergbaus 1965 verschwanden bald auch die meisten sichtbaren Zeugen dieses Kapitels der regionalen Geschichte. Das Mundloch in Eiserfeld wurde zusehends unansehnlicher, die Gänge dahinter verschlammten. Zum Glück trat der Eiserfelder Heimatverein dem völligen Verfall noch rechtzeitig entgegen, keine leichte Aufgabe allerdings, zumal der Stollen 1944/45 als Luftschutzbunker und später als Sprengstofflager genutzt worden war. Der Eröffnung des Schaubergwerks im Jahr 1983 ging daher eine immense ehrenamtliche Arbeit voraus. Sie wird seit 2016 von der – nach historischem Vorbild benannten – „Gewerkschaft Eisenzecher Zug“ weitergeführt, gebildet aus Heimatverein und Privatpersonen.

 

Namenspate

Der Erbstollen, der zweitlängste in NRW, ist mit seinen Abbaubereichen und Suchstrecken, den Ablagerungen metallhaltiger Salze und steinernen „Lachtertafeln“ – historischen Markierungen der jährlichen Vortriebsleistungen – ein attraktives Ausflugsziel. Doch wer war eigentlich Reinhold Forster? Der Naturforscher nahm 1772-75 mit seinem Sohn Georg an James Cooks zweiter Südsee-Reise teil. Zum Stollen hatte er keine persönliche Verbindung. Seine Wahl zum Namenspaten bezeugt aber die gestiegene Bedeutung naturwissenschaftlicher statt rein christlicher Ideale wie bei einem Heiligen als Schutzpatron.

Text: Ralf J. Günther

Blickpunkt

Die NRW-Stiftung stellte der gemeinnützigen Unternehmergesellschaft „Gewerkschaft Eisenzecher Zug“ Mittel zur Errichtung eines Grubenhauses am Besucherbergwerk Reinhold Forster Erbstolln in Siegen-Eiserfeld zur Verfügung. So entstanden bislang fehlende Einrichtungselemente für den Empfang, die Helmausgabe, den Führungstreffpunkt, die Sanitäranlagen und für kleine Ausstellungen. www.gewerkschaft-eisenzecher-zug.de