In Brakel hat im Frühjahr 2024 eine ungewöhnliche Rettungsstation ihre Arbeit aufgenommen: In der „Amphibienarche“ der Landschaftsstation im Kreis Höxter wollen Naturschützerinnen und Naturschützer das Schicksal einiger der am stärksten bedrohten heimischen Amphibien wenden.

Fünf Außengehege und ein mit Terrarien, Wannen und Heizlampen ausgestattetes Holzhaus, das an ein großes Gartenhaus erinnert: So sieht die moderne Variante der Arche Noah aus, die Amphibienschützerinnen und -schützer auf dem Gelände des Bildungshauses Modexen in Brakel errichtet haben. Seit dem Sommer 2024 werden hier drei der seltensten Amphibienarten Deutschlands gezüchtet und auf ein Leben in der Natur vorbereitet: Kreuzkröten, Gelbbauchunken und Geburtshelferkröten. Alle drei gehören bundesweit und auch in Nordrhein-Westfalen zu den am stärksten gefährdeten Tierarten.
Vor allem die Zerstörung ihrer natürlichen Lebensräume durch die immer weiter voranschreitenden menschlichen Aktivitäten haben die Tiere in Bedrängnis gebracht. Hinzu kommt, dass Amphibien zum Überleben gleich mehrere sehr unterschiedliche Lebensräume brauchen: Zum Laichen benötigen sie Gewässer, während ihr Landlebensraum später oft eher trocken und sonnenbeschienen warm sein muss. Früher fand sich dieser Mix oft in Flussauen. Nach der weitgehenden Zerstörung vieler Auenlebensräume finden Amphibien heute vor allem noch in Sand-, Kies-, und Lehmgruben sowie in Steinbrüchen die für sie optimale Mischung aus Trocken- und Feuchtlebensräumen.
Um das regionale Aussterben ihrer Schützlinge zu verhindern und ihre noch vorhandenen kleinen Populationen langfristig wieder auf den Pfad der Erholung zu bringen, setzen Naturschützerinnen und Naturschützer in Brakel auf die sogenannte Erhaltungszucht. Die dabei angewendeten Methoden folgen strikten wissenschaftlichen Kriterien und wurden in anderen Projekten bereits erfolgreich erprobt: Aus den verbliebenen Vorkommen werden erwachsene Tiere entnommen und in ein Außengehege gebracht. Der von den weiblichen Tieren abgelegte und von den Männchen befruchtete Laich wird entnommen und in spezielle Zuchtwannen im Inneren der Station verlegt, wo der Nachwuchs unter geschützten Bedingungen schlüpfen kann. In der Station haben die Kaulquappen alles, was sie brauchen – Wärme, frisches Wasser und Leckerbissen wie gekochten Löwenzahn oder Fischfutter. Sobald sie ihre Hinterbeine ausgebildet haben, werden die Tierchen in ein weiteres Außengehege umgesiedelt. Dort werden sie nach ihrem Landgang weiter mit Fruchtfliegen und Heimchen versorgt.

Haben die Zuchttiere eine Körperlänge von etwa 1,5 bis 2 Zentimetern erreicht, beginnt für sie das Abenteuer Freiheit. Zahlreiche Jungtiere werden dann gleichzeitig ausgewildert, damit einige von ihnen überleben und den Fortbestand der Art in der Region sicherstellen können. Dass nur ein Bruchteil des Amphibien-Nachwuchses überlebt, ist natürlich. Denn die bevorzugten Laichplätze sind kleine und kleinste Wasserflächen, die oft nur zeitweise flach wasserüberstaut sind und rasch austrocknen können. Auch schätzen viele Vogelarten die kleinen Tiere als Leckerbissen. Ein Kreuzkröten-Weibchen legt deshalb „vorsorglich“ pro Laichschnur 1.000 bis 9.000 Eier.

Züchten allein reicht nicht
Um ihren Schützlingen auf Dauer das Überleben in der Natur zu ermöglichen, beschränken sich die Amphibienschützer in Brakel nicht allein auf Zucht und Aussetzen der Tiere. Das Überleben in Freiheit soll den Tieren dadurch erleichtert werden, dass die Lebensräume vor der Auswilderung gezielt nach den Ansprüchen von Amphibien optimiert werden – neue Tümpel und Flachgewässer werden geschaffen, mit Büschen überwucherte Teiche werden freigelegt. Besonders geeignet für die Wiederansiedlung sind ehemalige Tongruben und Steinbrüche, von denen es in der Region einige gibt.
Die bisherige Bilanz der Amphibien-Arche ist vielversprechend: Schon über 650 Kreuzkröten, mehr als 1.000 Gelbbauchunken und über 250 Geburtshelferkröten wurden nachgezüchtet, mehr als 800 Jungtiere an optimierten Standorten ausgesetzt. Zugleich bleiben viele Herausforderungen: Die genetische Vielfalt der verbliebenen Mini-Population muss gewahrt werden, neue Gefahren wie die durch Infektionskrankheiten müssen in Schach gehalten und Lebensräume dauerhaft klimafest gemacht werden. Doch der Anfang zum Überleben der seltenen Amphibien im Weserbergland ist gemacht: Die Volieren und Zuchtwannen der Arche könnten in den kommenden Jahren zu Rettungsinseln für einen besonders stark bedrohten Teil der heimischen Natur werden.
Text: Thomas Krumenacker
Blickpunkt

Artenschutz und Naturbildung unter einem Dach: Die NRW-Stiftung unterstützte die Errichtung der „Amphibienarche“ im Kreis Höxter mit einem Zuschuss in Höhe von 65.000 Euro. Auch das Bildungshaus Modexen in unmittelbarer Nachbarschaft kannvon Beginn an auf die Förderung durch die Stiftung zählen.




















