Seeadler erobern Rhein und Weser

Adlerland NRW

Foto: Thomas Krumenacker

Europas größte Greifvögel haben Nordrhein-Westfalen als Lebensraum entdeckt. Gleich vier Seeadler-Paare haben im vergangenen Jahr an Rhein und Weser gebrütet. Auch der Fischadler hat erstmals wieder in NRW gebrütet. Der Vormarsch der „Könige der Lüfte“ ist auch eine Belohnung für einen Naturschutz mit langem Atem.

 

Auf dem wenige Meter entfernten Rhein tuckern die Frachtschiffe gemächlich in Richtung Hafen Duisburg-Ruhrort, der Fahrradweg auf der Deichkrone ist gut frequentiert von Ausflüglern, die einen der ersten warmen Frühlingstage vor den Toren der Großstadt genießen. Auch am nahen Kohlekraftwerk Voerde herrscht reger Betrieb, denn die Abrissarbeiten sind in vollem Gang – Teile des Kühlturms und des Kraftwerksgebäudes fehlen schon. Ausgerechnet diese so stark von Menschen geprägte Umgebung hat sich eine der eindrucksvollsten und bisher scheuesten Tierarten Europas als neue Heimat ausgewählt: Hoch überdem Boden inmitten eines lockeren Wäldchens in der Rheinaue hat sich im vergangenen Jahr ein Seeadler-Paar in einer Pappel einen großen Horst gebaut und gleich drei Jungadler zum Ausfliegen gebracht. Unbeeindruckt von Schiffen, Radlern und Baustellen in Sichtweite. Seeadler sind jetzt Ruhrgebietler!

Die erfolgreiche Brut vor den Toren eines der größten Ballungsräume Europas markiert den bisherigen Höhepunkt der spektakulären Rückkehr des Seeadlers nach Deutschland. In weiten Teilen ihres angestammten Siedlungsgebietes wurden die Vögel mit einer Spannweite, die mit weit über zwei Metern weiter ist als eine Tür hoch, im 19. Jahrhundert durch menschliche Verfolgung und Pestizideinsatz beinahe vollständig ausgerottet.

Die Wende brachten zwei Gesetze in den 1970er Jahren: Das Ende der Verfolgung als „Schädlinge“ durch Jagdverbote sowie das Verbot des Insektizids DDT in den 1970er Jahren. Das früher weitverbreitete Mittel gegen landwirtschaftliche Schädlinge geriet durch die Beutetiere in den Körper der Adler und hat die Eierschalen der Vögel so brüchig gemacht, dass sie unter dem Körper der Elternvögel beim Brüten zerbrachen. „Dass am Himmel über NRW heute wieder Seeadler kreisen, ist auch ein später Triumph des weitsichtigen Naturschutzes früherer Jahrzehnte“, sagt Michael Jöbges vom Landesarbeitskreis Seeadlerschutz NRW beim Umweltverband BUND.

 

Kameras und Ehrenamt im Einsatz

Auch wenn es im vergangenen Jahr landesweit erstmals vier Seeadler-Brutpaare in NRW gab, sei das Vorkommen der eindrucksvollen Vögel zwischen Rhein und Weser kein Selbstläufer, warnt Jöbges, der jahrzehntelang im Landesamt für Umwelt für den Vogelschutz zuständig war. Nur wenn es gelinge, die Störungen der scheuen Tiere gering zu halten, allen voran am Brutplatz, sei ein Miteinander von Mensch und Adler in einer so dicht besiedelten Metropol-Region möglich.

Um das sicherzustellen, arbeiten die ehrenamtlichen Adler­-schützer eng mit den Behörden zusammen. Der Schutz basiert auf Kooperation: Ehrenamtliche beobachten die Vögel, stimmen sich mit Behörden, Jägern und Anglern ab – Jagd und Angeln in der Nähe der Horste werden zeitweise ausgesetzt, Wege, wo nötig, gesperrt. Mit finanzieller Unterstützung der NRW-Stiftung sind seit diesem Jahr erstmals auch mehrere Kamerasysteme in Horstnähe installiert, um Störende früh zu erkennen und Bruten zu sichern. Nach den bisherigen Erfahrungen halten sich aber die meisten Menschen an die Regeln. Das Schöne ist: Trotzdem braucht niemand darauf zu verzichten, die eindrucksvollen Greifvögel zu sehen. Denn Beobachtungen vom Deich aus der Ferne halten die NRW-Adler aus.

 

 

Kein Comeback, sondern Neubesiedlung

Anders als beim Fischadler, der 1930 die letzte bekannte Brut in Westfalen hatte und 2025 mit einem Paar an der Weser um Kreis Minden-Lübbecke wieder erfolgreich brütete, ist die Ansiedlung des Seeadlers in NRW kein klassisches Comeback. „Nach meiner Recherche gab es keine Seeadler-Bruten auf dem Gebiet des heutigen NRW in den letzten Jahrhunderten“, sagt Jöbges. Er glaubt, dass die wachsenden Populationen in den benachbarten Niederlanden und im nordöstlich angrenzenden Niedersachsen nun auch nach NRW überschwappen. Wissenschaftler sprechen von einer Arealausweitung des deutschen Seeadler-Vorkommens. Dass dieser Prozess erfolgreich verlaufen kann, ist wiederum der Lohn für einen Naturschutz mit langem Atem in NRW, sind sich Experten einig: Die Ausweisung von Schutzgebieten, der Ankauf ökologisch wertvoller Flächen in Flussauen auch durch die NRW-Stiftung, der Einsatz von Rangern und ein gestiegenes Naturbewusstsein durch Umweltbildung – all diese Faktoren sehen Fachleute als mitentscheidend für die Besiedlung Nordrhein-Westfalens durch den Seeadler an.

Einen regelrechten „Adlerboom“ erwartet Experte Jöbges trotz der raschen Etablierung der ersten vier Paare in NRW nicht. Für einige weitere Paare sei aber durchaus noch Platz, ist er sicher. „Ein Dutzend Seeadler-Brutpaare – das könnte auf lange Sicht drin sein.“

Text: Thomas Krumenacker