Der 1929 fertiggestellte Hengsteysee ist der älteste der großen Ruhrstauseen. Er beginnt, kurz nachdem die aus dem Sauerland herbeiströmende Lenne in die Ruhr gemündet ist. Es ist eine Gegend voller Geschichte, unter anderem weil auf der Anhöhe über der damals noch ungezähmten Flusslandschaft die sächsische „Sigiburg“ lag, die Karl der Große im Jahr 775 eroberte. 1902 wurde auf dem Syberg außerdem das mächtige Kaiser-Wilhelm-Denkmal vollendet. Doch hat der Hengsteysee auch ein ganz eigenes Wahrzeichen, das genauso alt ist wie er selbst – das Koepchenwerk, dessen weithin sichtbarer Namenszug mit Unterstützung der NRW-Stiftung wieder volle Strahlkraft erlangt hat.
Der See als Unterbecken
Das Speicherbecken des Koepchenwerkes liegt auf 160 Meter Höhe am Ardeygebirge. Vom See aus ist das Becken nicht zu erblicken, unübersehbar sind hingegen das hochgelegene Schieberhaus und die Druckrohrleitungen, die hinab zum nördlichen Seeufer laufen. Der See selbst ist aus Sicht des Kraftwerks nur das „Unterbecken“, um das Oberbecken zu speisen und das von dort herabströmende Wasser aufzufangen. Meist funktionierte das problemlos, der Zweite Weltkrieg ließ das Koepchenwerk allerdings nicht völlig unbehelligt: Im Mai 1943 stand das Wasser im Maschinenhaus über zwei Meter hoch, nachdem britische Bomben die Möhnetalsperre zerstört hatten und eine riesige Flutwelle über Möhne und Ruhr ablief.
In den 1980er Jahren schränkten Risse an den Pumpengehäusen die Funktionsfähigkeit des Koepchenwerks stark ein. Der RWE-Vorstand entschied sich daher für eine ganz neue Anlage direkt neben der alten, so dass das Oberbecken weiter genutzt werden konnte. Der Neubau fiel aufgrund seiner unsichtbar verlaufenden Röhren zwar weit weniger ins Auge, übertraf die Leistung des alten Werks aber deutlich. 1994 wurde letzteres endgültig stillgelegt, 2015 folgte sogar ein Abrissantrag, obwohl das Wahrzeichen des Hengsteysees zu diesem Zeitpunkt schon seit zwei Jahrzehnten unter Denkmalschutz stand. Sollte die Anlage mitsamt Schieberhaus, Turbinen, Generatoren und Pumpen wirklich verloren gehen?
Spannung und Energie
Zum Glück fand die eigens gegründete „Arbeitsgemeinschaft Koepchenwerk e. V.“ in der „Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur“ eine Verbündete: Letztere wurde 2016 Eigentümerin des Werks, das als national bedeutsames Denkmal der Energiewirtschaft bei Führungen zu besichtigen ist und 2023 zur Kunstausstellung „Mit Spannung und Energie“ einlud. Wobei man hinzufügen sollte, dass es am Hengsteysee noch ein weiteres E-Werk gibt, das „Laufwasserkraftwerk“ am Stauwehr, ebenfalls aus den 1920er Jahren.

„Koepchenwerk“ – dieser Name ist erst seit 1954 zu lesen. Ursprünglich hatte der Schriftzug an der Maschinenhalle „Speicher-Kraftwerk-Herdecke“ gelautet. Die drei Meter hohen Leuchtbuchstaben an der 160 Meter breiten Fassade, die sich zusammen mit dem Hallenlicht im See spiegelten, sollten elegant verdeutlichen, dass das Werk Elektrizität produzierte. Umso erfreulicher die Wiederherstellung dieses Lichteffekts an dem geretteten Denkmal. Die drei Buchstaben „RWE“ am hoch gelegenen Schieberhaus gingen dabei sogar einige Jahre voran, erstrahlen sie doch schon seit 2018 wieder.
Auf ein Glas
Biodynamischer Wein aus der Ruhrsteillage? Den soll es im Koepchenwerk 2026 erstmals geben. Die „Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur“ erhofft sich davon noch mehr Aufmerksamkeit für die Anlage. Ein samstäglicher Ausschank namens „Weinwerk“ existiert bereits, wenn auch noch nicht mit Eigenerzeugnissen. Doch 1.300 neue Rebstöcke zwischen den Druckrohrleitungen versprechen: Mit dem allerersten reift auch der bislang allerbeste Jahrgang heran, der je am Koepchenwerk wuchs.

Licht und Artenschutz
Da Lichtemissionen für Natur- und Artenschutz problematisch sein können, arbeitet die neue Beleuchtung des Koepchenwerks mit tierfreundlichen Lichtwerten, reduzierten Intensitäten und eingeschränkten Betriebsstunden. Unter Einsatz moderner LED-Technik wurde so buchstäblich ein „Leuchtturmprojekt“ realisiert, das der Bewerbung der Städte Hattingen, Witten, Wetter, Hagen und Herdecke für die Internationale Gartenausstellung 2027 im Ruhrtal zusätzlichen Glanz verleiht.
Text: Ralf J. Günther
Blickpunkt

Die NRW-Stiftung unterstützte die „Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur“ bei der Reaktivierung der historischen Beleuchtung des Koepchenwerks in Herdecke. Die weite Sichtbarkeit des Denkmals – zum Beispiel von der A1 aus – macht es zu einem besonders eindrucksvollen Zeugen der Industriegeschichte. www.industriedenkmal-stiftung.de




















