Das Jahr 1840: Mit Morsezeichen und Drahtnachrichten wird noch experimentiert, Funkwellen sind unbekannt. Doch selbst ohne elektrischen Strom ist ein Signal von Berlin über Köln nach Koblenz nur wenige Minuten unterwegs. Ganze Textnachrichten benötigen für die fast sechshundert Kilometer anderthalb Stunden. Selbst Brieftauben wären nicht so schnell, auch nicht die Gas- und Heißluftballons, die es seit 1783 gibt, die sich aber nicht steuern lassen. Die optische Telegrafie macht das scheinbar Unmögliche möglich, indem sie ihre Chiffren einfach in den Himmel schreibt. Die Weitergabe von Station zu Station erfolgt per Sichtkontakt – quer durch das heutige NRW.
Optische Signale haben eine lange Geschichte. Rauchzeichen kannte schon die Antike, Flaggen künden seit Jahrtausenden von Freund und Feind. Sogar stillstehende Windmühlenflügel können Botschaften verbreiten – etwa in der Stellung „Freudenschere“, um Hochzeiten zu verkünden. Praxistaugliche Flügeltelegrafen, sogenannte Semaphoren, zur weiträumigen Übermittlung von Sprachnachrichten gab es aber erstmals im Frankreich zur Zeit der Großen Revolution. Im Jahr 1794 – als der gefürchtete Robespierre auf der Guillotine endete – gelang dem Konstrukteur Claude Chappe mithilfe seiner drei Brüder der Aufbau einer regulären Nachrichtenstrecke zwischen Paris und Lille.
Im Westen viel Neues
Deutsche Beobachter bewunderten die Schnelligkeit des französischen Systems, glaubten anfangs aber fälschlich, dessen Signale würden jeweils für einzelne Buchstaben stehen, ein Eindruck, den auch „Zeichenalphabete“ auf alten Abbildungen leicht erwecken können. In Wirklichkeit nutzten die Franzosen jedoch Chiffren für ganze Wörter oder oft gebrauchte Sätze, wobei sie sich auf umfangreiche Codebücher stützten. Das brachte Tempo und diente der Geheimhaltung, denn die frei sichtbare optische Telegrafie wurde in der Regel vertraulich für staatliche und militärische Informationen verwendet.
In Preußen begann man aufgrund einer königlichen Ordre von 1832 mit dem Aufbau der Nachrichtenlinie von Berlin nach Koblenz, also in die westlichen Provinzen, die dem Hohenzollernreich durch den Wiener Kongress zugefallen waren. Die rheinischen Gegenden seien „die volkreichsten, die gewerbereichsten und zugleich die beweglichsten der ganzen Monarchie“, so eine damalige Denkschrift. Das dortige Leben erfordere daher am ehesten rasches Eingreifen, von dorther kämen umgekehrt „die Nachrichten von dem bewegtesten Leben dieser Zeit“. Aufgrund der ost-westlichen Streckenführung entstanden 26 der insgesamt 62 Meldestationen auf dem Gebiet des heutigen NRW, das sich ja mit Ausnahme des Landes Lippe komplett aus ehemals preußischen Gebieten zusammensetzt.
Doppeltes Bodendenkmal
Vielerorts halten heute ehrenamtliche Initiativen die Erinnerung an die Fernsichtkommunikation wach. Besondere Tatkraft hat dabei der „Verein zur Förderung der historischen Telegrafie“ in Entrup entwickelt, einem Ortsteil der Stadt Nieheim im Kreis Höxter. Dem Verein ist der eindrucksvolle Turm auf dem Lattberg zu verdanken, auf dem früher die preußische Telegrafenstation Nr. 31 stand. Jüngst wurde mithilfe der NRW-Stiftung – und zusammen mit dem Heimat- und Verkehrsverein Fürstenau – außerdem die ehemalige Station Nr. 29 auf dem 497 Meter hohen Köterberg bei Höxter mit einer Infotafel ausgestattet. Es war eine Art Lückenschluss, durch den nun die gesamte Linie beschildert ist. Die Grundmauern von Nr. 29 wurden übrigens schon 1976 entdeckt. Sie liegen auf dem Gelände einer mittelalterlichen Wallburg, so dass man es sogar mit einem doppelten Bodendenkmal zu tun hat.

In vollem Umfang war der preußische optische Telegraf nur sechzehn Jahre in Betrieb, von 1833 bis 1849. Dann löste ihn die schnellere elektrische Telegrafie ab, die auch bei Nacht funktioniert, während Semaphoren sichtgefährdete Standorte meiden mussten. Nur „befreit von Dunst und Nebel durch warmen Sonnenschein“ funktionierte die Übermittlung fehlerlos, wie es ein poetisch veranlagter Untertelegrafist der Station Nr. 39 in Uelde (heute Kreis Soest) 1833 ausdrückte. Leistungsfähige Ferngläser erlaubten zum Glück größere Abstände zwischen den einzelnen Stationen. Der sogenannte Spähtelegrafist las die Stellung der benachbarten Indikatoren, sprich: Flügelarme, ab und diktierte sie dem Kurbeltelegrafisten, der den Empfang mittels Hebeln und Seilen bestätigte und die Weitergabe an die Folgestation startete. Die Arbeit erforderte Konzentration und ständige Wachsamkeit, nicht nur, weil weit über zweitausend Signale in Gebrauch waren, sondern auch, weil – logischerweise – Empfang und Senden aus Osten oder Westen spiegelbildlich erfolgen mussten.
Text: Ralf J. Günther

Tischtelegrafie

Wie viele andere technische Erfindungen gab es optische Telegrafen auch in Spielzeugversionen. Schon über dreißig Jahre, bevor die Linie Berlin-Koblenz gebaut wurde, konnte man Minisemaphoren – angelehnt an die französischen Vorbilder – in Deutschland kaufen. An spielerische Unterhaltung für Erwachsene dachten die Anbieter ebenfalls. Per „Tischtelegraf“ plus mitgelieferter Zeichentabelle war Kommunikation quer durch große Festsäle möglich, aber auch intimer Austausch auf kurze Distanz in womöglich besonders vielsagender Weise.
Blickpunkt
Die Karte zeigt den Gesamtverlauf der Linie, die in Berlin begann und westlich der Weser quer durchs heutige NRW verlief. In Köln bog sie südlich Richtung Koblenz ab. Die NRW-Stiftung half dem „Verein zur Förderung der historischen Telegrafie“ in Entrup bei einer Infotafel am Köterberg bei Höxter. www.entrup.info/telegrafenverein

























