Geschichte, Gewebe und hohe Hecken

Webereimuseum und Haus Seebend in Monschau-Höfen

Foto: Werner Stapelfeldt

Foto: Werner Stapelfeldt

Im belgisch-deutsch-niederländischen Dreiländereck bei Aachen gibt es viel zu sehen, ein Leitfaden zur Orientierung wäre da für Reisende auf jeden Fall nützlich. Sollte es sich um einen Wollfaden handeln, könnte es sich um einen besonders raffinierten Fingerzeig auf die in der geschichtsträchtigen Gegend einstmals blühende Tuchindustrie handeln. Repräsentative Unternehmervillen und große Fabrikhallen erzählen von dieser textilen Vergangenheit, aber auch kleine und feine Adressen wie das Webereimuseum in Monschau-Höfen. Es wird vom örtlichen Eifel- und Heimatverein betrieben, dem überdies das unmittelbar anstoßende „Haus Seebend“ gehört. Dort erfährt man mehr über ein Dorf, in dem sich Webfäden kreuzen und Zweige kunstvoll verflechten.


Der Name „Höfen“ ist der Tatsache zu verdanken, dass der heutige Ortsteil von Monschau ursprünglich aus einer Ansammlung von Einzelhöfen bestand. Bei der Erst­erwähnung 1361 sprach man daher vom „berch (Berg), den man nennt die Hoeve“. Heute leben in dem Dorf gut 1.700 Menschen, es ist zudem ein beliebter Treffpunkt für Wanderlustige, da sich hier eins der fünf „Tore“ zum Nationalpark Eifel findet. Von dort aus ist man rasch im leuchtenden Reich der Gelben Narzisse, denn ganz in der Nähe erstrecken sich die wilden Narzissenwiesen des Perlenbach- und Fuhrtsbachtals, von denen sich über siebzig Hektar im Eigentum der NRW-Stiftung befinden. Es sind Refugien nicht nur für die Pflanzenwelt, sondern auch für Tagfalter, Libellen, Amphibien und Reptilien, darüber hinaus für über achtzig Vogel- und mehr als dreißig Säugetierarten.

 

 

Windschutz und Wolle

Beim Gang durch Höfen fallen die spektakulären Rotbuchenhecken auf, die in vielfältigen Formen emporragen. Es sind die Stars des sogenannten Monschauer Heckenlands, zu dem auch Konzen, Mützenich und einige andere Orte gehören. Seit Jahrhunderten prägen hier gewaltige Wind- und Wetterschutzhecken die Szenerie und stehen dabei bisweilen so dicht an den Häusern, dass es nötig ist, Fenster ins Grün zu schneiden, um Licht in den eigenen vier Wänden zu haben. Damit Rotbuchen nicht als Bäume in den Himmel wachsen, sondern sich zu gepflanzten Mauern auftürmen, muss man sie von klein auf beschneiden und ihre Zweige mit dem nötigen Knowhow richtig verflechten. Elastische Holzstangen sorgen dabei für inneren Halt.

 


Kein Zweifel – ein Ausflug nach Höfen lohnt sich. Dabei haben wir das Webereimuseum noch gar nicht betreten, das exemplarisch an die Tuchherstellung in der Gegend um Aachen, Monschau, Verviers, Euskirchen, Eupen und Vaals erinnert. Ihre größte Blütezeit begann im 18. Jahrhundert. Aachener Wolltuch und andere Gewebe errangen sich damals einen hervorragenden Ruf weit über die Region hinaus. So ergab sich rund 250 Jahre lang Beschäftigung für viele Tausend Menschen, die oftmals im Verlagssystem arbeiteten, also nicht in Fabriken, sondern im Auftrag von Unternehmern, die das Material stellten, am heimischen Webstuhl. In Monschau steht mit dem Roten Haus, das nach 1750 von dem Tuchfabrikanten Heinrich Scheibler erbaut wurde, ein eindrucks­volles Baudenkmal aus dieser Zeit.
 

 

Klappernde Geschichte

Bis Mitte der 1970er Jahre gab es in Höfen aktive Webereien. Die Schließung der Monschauer Textilbetriebe – zuletzt 1982 der dortigen „Rheinischen Wollwerke“ – markierte jedoch einen entscheidenden Einschnitt. In dieser Umbruchzeit gab daher auch Hermann Jansen die Maschinenweberei auf, die er 1957 im Dorf eingerichtet hatte. Jansen war zunächst vor allem im Auftrag der Aachener Firma Führen tätig gewesen und arbeitete später als selbstständiger Lohnweber für verschiedene Unternehmen. Seine Ware ging zum Teil sogar in die Arabischen Emirate. Die Weberei Jansen ist heute als originalgetreuer Anbau an das „Haus Seebend“ in Höfen zu besichtigen. Mit gedämpfter musealer Atmosphäre darf man indes nicht rechnen, wenn eine der vier klappernden Webmaschinen in Gang gesetzt wird – maschinelle Tuchherstellung ist ein wahrhaft ohrenbetäubendes Gewerbe. Das 1911 ursprünglich als Jagdhaus erbaute „Haus Seebend“ ist das Hauptquartier des Höfener Heimatvereins. Es kann auf eine bewegte, sogar ein wenig geheimnisumwitterte Vergangenheit zurückblicken. Nicht weil es im Dritten Reich von der Organisation Todt mit Beschlag belegt wurde, die damals für den Bau des sogenannten Westwalls zuständig war. Sondern weil es nach dem Krieg zeitweilig von der „Bundesstelle für Fernmeldestatistik“ genutzt wurde. Dahinter verbarg sich der Bundesnachrichtendienst. 1997 wurde das Haus Eigentum des Heimatvereins, der darin – schon damals mit Unterstützung der NRW-Stiftung – ein Naturinformationszentrum einrichtete. Dauerhaft mit dem 2007 eröffneten Nationalpark-Tor und dessen Ausstellung „Narzissenrausch und Waldwandel“ zu konkurrieren, erschien allerdings wenig sinnvoll. Die Eröffnung des Weberei-Anbaus 2010 bedeutete insofern eine wichtige inhaltliche Neuorientierung. Im Jahr 2025 hat nun auch das Haupthaus eine Verjüngungskur erfahren und ist zur Bildungs- und Begegnungsstätte geworden, deren Ausstellungsbereich den Schwerpunkt auf die Höfener Ortsgeschichte von der Nachkriegszeit bis in die 1970er Jahre legt.

Text: Ralf J. Günther

Blickpunkt

Die NRW-Stiftung unterstützt die Ortsgruppe Monschau-Höfen des „Eifel- und Heimatvereins e. V.“ mit Mitteln für die Optimierung von Haus Seebend sowie für die Erweiterung des angebauten Webereimuseums. Förderungen für Haus und Museum gab es zuvor schon in den Jahren 1995, 2004 und 2006. www.eifelverein-hoefen.de