Aufbruch statt Abbruch

Christliche Gotteshäuser im Wandel

Architektur-Rendering

Foto: Judith Büthe

Sie wurden tausendfach zum Lob Gottes errichtet, aber sie fallen nicht um Gotteslohn vom Himmel: Kirchen und Kapellen erfordern für Bau, Unterhalt und Betrieb solide Vermögensgrundlagen, eine wirtschaft­liche Basis, die man nach alter Tradition als „fabrica ecclesiae“ bezeichnet, zu Deutsch: Kirchenfabrik. Doch wo Gemeinden schrumpfen und Ausgaben steigen, benötigen immer mehr Kirchengebäude neue Nutzungskonzepte – bis hin zur Verwandlung in weltliche Räume. Wir stellen Initiativen vor, die sich in NRW als Ideen­fabriken für Gotteshäuser im Umbruch engagieren und so prägende Bauwerke bewahren.


Das Christentum existiert seit zweitausend Jahren, aber wann gab es eigentlich die erste Kirche? Den bislang ältesten archäologischen Befund lieferte das sogenannte „Pompeji der Wüste“, die antike Stadt Dura-Europos im heutigen Syrien. Hier ließ sich ein Wohngebäude nachweisen, das um 233 n. Chr. zum Sakralraum mit Taufnische umgestaltet wurde. Erst mit dem Ende der Christenverfolgungen im Römischen Reich büßten solche „Hauskirchen“ an Bedeutung ein. Stattdessen nahmen sich die christlichen Gemeinschaften nun vor allem die langgestreckten, oft in Schiffe unterteilten Markthallen und Gerichtssäle zum Vorbild, die man im Altertum Basilika nannte. Sie wurden zum Muster für zahllose Grundrisse geheiligter Gebäude – wiedererkennbar noch in riesigen Kathedralen wie dem Kölner Dom.

So entstand eine Welt der Kirchen. Allein im alten Köln lebten kaum vierzigtausend Menschen zwischen weit über hundert großen und kleinen Gotteshäusern. Eins davon gehörte zu dem berühmten Dominikanerkloster, an dem im 13. Jahrhundert so bedeutende Gelehrte wie Albertus Magnus und dessen Assistent Thomas von Aquin tätig waren – wo im 16. Jahrhundert allerdings auch jene Mönche wirkten, für die humanistische Spötter das bis heute bekannte Schlagwort von den geistig düsteren „Dunkelmännern“ erfanden. Doch als es im frühen 19. Jahrhundert unter Napoleon zur systematischen Verstaatlichung geistlichen Besitzes kam, mussten die Predigerbrüder Köln verlassen. Ihre Klosterkirche wurde abgerissen, das Grab des großen Albert in die Pfarrkirche St. Andreas verlegt.

Kirche und Keller

Erst 1898 kehrten die Dominikaner ins heilige Köln zurück, wo sie jetzt einen neuen Standort in der Lindenstraße, nahe dem Rudolfplatz, bezogen und 1947 überdies die Betreuung der Andreaskirche übernahmen. Letzteres soll so bleiben, aus der Lindenstraße indes hat sich die Gemeinschaft jüngst wieder zurückgezogen und das dortige Gotteshaus, das in heutiger Form 1952 vollendet wurde, der Welt überlassen, pardon: den Brettern, die die Welt bedeuten. Gemeint ist das Theater „Der Keller“, eine gesellschaftspolitisch orientierte Bühne, deren von vielen Ehrungen dekorierter Weg ebenfalls in den Fünfzigerjahren begann, deren Spielort aber schon mehrfach wechselte. Anfangs in einem Luftschutzbunker untergebracht, nutzte sie zwischenzeitlich Räume in einer ehemaligen Entbindungsklinik und musste sich zuletzt als Untermieterin eines rechtsrheinisch gelegenen Kulturzentrums zurechtfinden, nach kölscher Erdkunde also „op d’r schäl Sick“.

Mit dem Beschluss, den Trägerverein beim Umzug der Bühne in die Lindenstraße zu unterstützen, setzt die NRW-Stiftung ihre Förderungen der freien Theaterszene in NRW fort und hilft zugleich, die Zukunft der profanierten Dominikanerkirche zu sichern. Die wird im Mittelschiff zwei akustisch getrennte, variable Spielstätten für Schauspiel, Konzert, Tanz und Vortrag erhalten, ergänzt um Seiten- und Querfoyers sowie Plattformlifte für den barrierefreien Zugang. Dabei soll die bauliche Struktur der Kirche inklusive ihrer charakteristischen Rundfenster weiterhin erkennbar sein. Das Gebäude bleibt Zeuge sakraler Tradition und sogar ein Comeback als geweihtes Gotteshaus ist nicht kategorisch ausgeschlossen, wenngleich der mit dem „Keller“ geschlossene Erbbauvertrag achtzig Jahre umfasst.

 

 

Unterwegs zur Meditation

Wir verlassen Köln, um unsere Perspektive anhand von zwei ländlichen Kapellen zunächst um weitere Beispiele aus der katholischen Welt zu ergänzen. Da wäre zum einen die 1424 erstmals erwähnte Rodentelgenkapelle im sauerländischen Arnsberg-Bruchhausen. Im 17. Jahrhundert rief man hier unter anderem die heilige Lucia gegen Krankheit und Dürre an, was der kleinen Kirche an der Ruhr eine kurze Blütezeit als regionales Wallfahrtsziel bescherte – bis konkurrierende Orte die Pilgerschritte in andere Richtungen lenkten. Es ist das Verdienst des „Fördervereins Rodentelgenkapelle“ diese Zusammenhänge wieder ins Bewusstsein gerückt zu haben. Vor allem aber ist es ihm gelungen, dem auf seine Initiative hin vor dem Verfall geretteten Bauwerk seit 2018 neue Bedeutung als Ort für religiöse und kulturelle Veranstaltungen zu geben.

 

 

Zum anderen geht es um die 1899 erbaute Agatha-Kapelle in Werl-Holtum am westfälischen Jakobsweg von Höxter nach Bochum. Die bewährte Erfolgsformel der Denkmalpflege „Bewahren durch Nutzen“ ließe sich für sie in „Bewahrung durch Betrachtung“ abwandeln. Denn als Ort meditativer Betrachtung präsentiert sich das für Gottesdienste nur noch selten in Anspruch genommene Kirchlein, das einem Verein, keiner Pfarre gehört, seit September 2019. Wer eintritt, kann die Raumwirkung per bildschirmgesteuertem Sound- und Lichtsystem selbst bestimmen, das eine individuelle Auswahl von Texten, Tönen und Farben erlaubt. Das große Engagement, mit dem der Holtumer St. Josefs-Verein für seine Kapelle eine zukunftsfähige Aufgabe gesucht und gefunden hat, überzeugte auch die NRW-Stiftung. Sie unterstützte unter anderem den Einbau einer Kirchenorgel, deren natürliche Klangfülle seit Herbst 2026 ebenfalls per Screen aktivierbar ist.


Labor in Langendreer

Köln, Arnsberg-Bruchhausen, Werl-Holtum – drei Fallbeispiele, die Martin Luthers vor fünfhundert Jahren ausgesprochene Empfehlung, überzählige Gotteshäuser einfach abzureißen, heute wenig einleuchtend erscheinen lassen. Offenkundig ist es besser, sie kreativ zu beleben, unabhängig davon, ob sie noch liturgisch genutzt werden oder bereits „profaniert“ sind. Um Luther jedoch nicht nur mit katholischen Beispielen zu konfrontieren, blicken wir nun auf ein Bochumer Bauwerk, das auch nach seiner 2012 erfolgten „Entwidmung“, wie man es abweichend vom katholischen Sprachgebrauch sowohl im Protestantismus als auch im staatlichen Kirchenrecht nennt, immer noch den Namen des Reformators trägt. Es heißt heute „LutherLAB“.

Die 1905 erbaute Lutherkirche in Bochum-Langendreer setzte schon mit ihrem Grundriss ein Signal, wies er doch unverkennbare Nähe zum „Wiesbadener Programm“ auf, einem in den 1890er Jahren formulierten Forderungskatalog, der die evangelische Kirchenarchitektur vom länglichen Basilika-Schema zu lösen versuchte. Das Ziel: In Zentralräumen sollten sich die Gemeinden enger um Altar, Predigtkanzel und Orgel versammeln. In gewissem Sinn ist diese Idee in der entwidmeten Lutherkirche nach wie vor wirksam. Denn Menschen enger zusammenrücken zu lassen – das ist exakter Zweck des „Experimentierraums für Begegnung, Bildung, Innovation und Nachhaltigkeit“, der unter dem Namen LutherLAB heute das fast quadratische Kircheninnere für Gesundheitstage, Weiterbildungen, freies Orgelspiel, Tauschbörsen und vieles mehr nutzt. Wie schwer das Fehlen dieses Angebots ins Gewicht fallen würde, wurde im Übrigen 2023 überdeutlich, als die Kirche aufgrund von Schäden am Turm monatelang nicht betretbar war. Zum Glück konnte die NRW-Stiftung dem Trägerverein dabei helfen, die Verkehrssicherheit so rasch wie möglich wiederherzustellen.

 

Der verlorene Dom


Der „Rückbau“ von Kirchen kann prägende Landmarken vernichten – so wie die von 1888 bis 1891 erbaute, katholische Pfarrkirche St. Lambertus in Erkelenz-Immerath, bekannt als „Immerather Dom“. Obwohl Mahn­wachen und Proteste auf den Denkmalschutz für die neoromanische Doppelturm-Basilika verweisen konnten, wurde sie 2018 zugunsten des Braunkohletagebaus abgerissen, dem inzwischen das gesamte alte Immerath gewichen ist. Engagiert kämpften Menschen selbst um kleinere Erfolge: Mehrere Glasfenster aus der Erbauungszeit des Doms befinden sich heute in der Kapelle des durch Umsiedlung entstandenen neuen Orts Immerath. Jüngere Fenster des Doms wurden teilweise durch die Privatinitiative „Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts“ gerettet. Für Kirche und Ort gibt es zudem eine Online-Erinnerungsstätte – das von der NRW-Stiftung geförderte „Virtuelle Museum der verlorenen Heimat“.
 


Verlorene Heimat

Kirchengebäude erzählen von religiöser Kultur, sie prägen Orts­bilder und sind selbst denen selten völlig gleichgültig, die Gottesdienste nie besuchen. Wären dies völlig neue Überlegungen, dann würde die „Alte Kirche“ in Straelen-Herongen am Niederrhein wohl seit 120 Jahren nicht mehr existieren. 1904 hatte ihr der Abriss gedroht, da die Heronger Gemeinde inzwischen über ein größeres Gotteshaus verfügte. Doch eine Intervention des Kunsthistorikers Paul Clemen rettete damals den Ziegelbau aus dem späten 14. Jahrhundert mit dem Westturm von 1552. Im Jahr 2024 aus Kostengründen endgültig profaniert, hat das Bauwerk nun mit dem Verein „Alte Kirche Herongen“ erneut rechtzeitige Unterstützung gefunden.

Der Verein hat das Gebäude für einen symbolischen Euro erworben, um es zu sanieren und zur barrierefreien Veranstaltungsstätte für Menschen jeden Alters zu machen – vom Bastelnachmittag bis zur Literaturlesung. Mittel der NRW-Stiftung helfen dabei, das Konzept umzusetzen. Die Stadt Straelen ist ebenfalls mit an Bord und möchte den Raum, in dem keine kirchlichen Eheschließungen mehr stattfinden, für standesamtliche Trauungen nutzen.

Nicht immer gehen die Dinge so glücklich aus, das verdeutlicht ein Blick in die rheinischen Braunkohletagebaue, wo ganze Ortschaften mit ihren Gotteshäusern den Baggern weichen mussten. Das „Virtuelle Museum der verlorenen Heimat“, ein von der NRW-Stiftung gefördertes Webprojekt, erinnert etwa an den imposanten, 1891 vollendeten Immerather Dom, der 2013 profaniert und fünf Jahre später abgerissen wurde (siehe Kasten oben). Hohen Symbolwert für die Geschichte und die Zwangslagen des Kalten Kriegs hingegen besitzt die 2008 als Gedenkstätte eingerichtete Kirchenruine des seit 1946 verlassenen und durch spätere Artillerieübungen britischer und belgischer Truppen zerstörten Dorfs Wollseifen im heutigen Eifelnationalpark.

Sakrale Serie

Haben Sie je eine Bartning-Kirche betreten? Für Nichteingeweihte: Gemeint ist eine Notkirchenserie, mit der das Evangelische Hilfswerk 1947 dem Mangel an Kirchenraum entgegentrat, der in Deutschland nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und dem starken Zuzug von Heimatvertriebenen entstanden war. Der Architekt Otto Bartning, einer der Väter der Bauhaus-Idee, entwarf 1947 die Grundtypen für die insgesamt mehr als vierzigmal realisierten Gebäude, denen manche heute den UNESCO-Welterbestatus zutrauen. Zusätzlich entstand 1957 eine Variante in Marl-Brassert, hier finanziert durch ein US-Aufbauprogramm. Das Bauwerk mit den großen Glasflächen und niedrigen Seitenflügeln wurde 2015 entwidmet und vom Heimatverein Marl vier Jahre später als integrativer Treffpunkt mit Lesungen, Basaren und Musik eingerichtet. Jugendliche Talente können sich an einem Steinway-Flügel erproben, auch eine Orgel ist vorhanden, statt Kirchenbänken gibt es Konzertbestuhlung.

Nach Bartnings Tod 1959 errichtete man im Rheinland weitere Notkirchen, jetzt nach Entwürfen des Architekten Helmut Duncker. Anders als sein Vorgänger setzte er auf zeltartig aussehende Bauwerke, die für eine Lebensdauer von nur zehn Jahren berechnet waren. Trotzdem kann man sie im 21. Jahrhundert noch immer erleben, eins davon neuerdings als Exponat im LVR-Freilichtmuseum Lindlar. Es war 1967 ursprünglich in Bonn-Holzlar errichtet und 1978 in Ratingen-Eggerscheidt wieder aufgebaut worden. Die dortige Gemeinde war aber außerstande, es nach Sturm­schäden mit Eigenmitteln wiederherzustellen. Umso wichtiger die Kooperation mit den „Museumsfreunden Lindlar“, auf deren Antrag hin die NRW-Stiftung die Translozierung ins Bergische Freilichtmuseum unterstützte.
 

„Wenn die Nutzung nicht entwürdigend ist, ist jede Nutzung gut“ · Interview mit Barbara Schock-Werner


Frau Schock-Werner, die NRW-Stiftung fördert satzungsgemäß keine kirch­lichen Institutionen. Nicht alle der auf diesen Seiten vorgestellten Bauwerke sind aber bereits profaniert beziehungsweise entwidmet. Einige dienen immer noch sakralen Zwecken. Warum sind Förderungen hier dennoch möglich?
Es gibt Grundsätze und es gibt Ausnahmen. In der Kulturförderung sind die Grenzen nicht immer so ehern fest. Es gibt Kirchen- und Kapellenbauten, die ein wichtiges Element in der Landschaft sind, es gibt Kirchenräume, die hauptsächlich für Kulturveranstaltungen oder für soziale Events dienen, obwohl sie nicht profaniert sind. Wenn sie sich in privater Trägerschaft befinden, also zum Beispiel einem Verein gehören wie im Falle der Agatha-Kapelle in Werl-Holtum, können wir auch unterstützen und tun es gerne.

Viele Menschen, die nie einen Gottesdienst besuchen, sind trotzdem schockiert, wenn sie hören, dass Kirchen­gebäude in ihrem Umfeld womöglich vor dem Abriss stehen. Warum ist das Ihrer Erfahrung nach so?
Kirchen sind ja, auch wenn sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, wesentlicher Teil des Dorfes, des Orts oder des Viertels. Ihr Fehlen würde auch städtebaulich eine schmerzhafte Lücke hinterlassen. Viele Bürger haben, selbst wenn sie diese Kirchen nicht mehr regelmäßig besuchen, eine aus Kindheitstagen und Jugendveranstaltungen stammende emotionale Bindung zu diesen Gebäuden. Ihr völliges Verschwinden hinterlässt eine schmerzhafte Lücke. Es ist auch ein Verlust von Sozialbindungen.

Manche finden es womöglich unpassend, Kirchengebäude zu weltlichen Zwecken zu nutzen – als Kulturtreff oder gar als Kletterhalle. Historisch gesehen ist die Sache vielschichtig, denn einerseits dienen Kirchen eigentlich erst seit dem 19. Jahrhundert rein gottesdienstlichen Zwecken, sie waren zuvor viel stärker als heute öffentlicher Raum, das wurde erst jüngst wieder diskutiert. Auch kennt man „Wehr-“ oder „Fluchtkirchen“ mit gewissen Verteidigungsfunktionen. Andererseits gab es die Säkularisierungen infolge politischer Zwänge, etwa in der Ära Napoleons. Manchmal heißt es, sogar der Kölner Dom sei damals zum Pferdestall geworden. 
Dass der Kölner Dom als Pferdestall genutzt wurde, ist ein immer wieder erzähltes Gerücht, es ist nicht wahr. In französischer Zeit wurden im Langhaus zwar Kriegsgefangene untergebracht. Im Chorraum wurden aber durchgehend Messen gefeiert. Natürlich wurden Kirchen und Klöster auch profaniert, als Lager oder Versammlungsstätten genutzt. Viele konnten aber danach wieder fürden Gottesdienst zurückgewonnen werden. Das lehrt uns: Alles ist besser als Abbruch. Wenn die Nutzung nicht  entwürdigend ist, ist jede Nutzung gut.

Trotz Umgestaltung zum Theater soll der ursprünglich sakrale Charakter der Kölner Dominikanerkirche Heilig Kreuz auch weiter erkennbar bleiben. Worauf kommt es Ihrer Meinung beim „Bewahren durch Nutzen“ im Falle von Kirchen an? Oft sind es ja zum Beispiel die Fenster, die ein Gotteshaus besonders prägen.
Es ist wichtig, dass bei jeder Umnutzung der bauliche Charakter der ehemaligen Kirche noch zu erkennen ist. Das ist aus städtebaulichen Gründen bedeutend, aber auch weil dadurch die Geschichte des Hauses ablesbar ist. Bei der Planung zur Umnutzung der Kölner Dominikanerkirche ist das besonders gut gelungen. Dort sollen die Räume zwischen den Pfeilern auf solche Weise mit Trennwänden versehen werden, dass die hochliegenden Rundfenster, die für den sakralen Eindruck wichtig sind, weiterhin das Tageslicht durchlassen. Bei Veranstaltungen und Aufführungen können diese Fenster aber durch außenliegende Markisen abgedunkelt werden, so dass der Raum auch den neuen Anforderungen durch den Theaterbetrieb gerecht zu werden vermag.

Interview: Ralf J. Günther

Prof. Barbara Schock-Werner wurde von 1999 bis 2012 als Kölner Dombaumeisterin einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Bis 2013 war sie Vorsitzende der Europäischen Vereinigung der Dombaumeister, Münsterbaumeister und Hüttenmeister, aktuell ist sie Präsidentin des Zentral-Dombau-Vereins zu Köln. Sie lehrte unter anderem an der Universität Erlangen-Nürnberg und beschäftigte sich als Architektin und Kunsthistorikerin nicht zuletzt mit dem Thema „Burgen und Schlösser“. Dabei amtierte sie von 2013 bis 2019 als Präsidentin der „Deutschen Burgenvereinigung“. Zu ihren zahlreichen Auszeichnungen zählen der Verdienstorden des Landes NRW und der Deutsche Preis für Denkmalschutz, den sie für ihre journalistischen Kolumnen zum Thema erhielt. Seit Oktober 2017 ist Barbara Schock-Werner Vizepräsidentin der NRW-Stiftung.

Glaube, Liebe, Fußball

„Gott ist tot“, behauptete einst Friedrich Nietzsche. Ganz anders die Erkenntnis aus dem fußballbegeisterten Ruhrgebiet der 1960er Jahre: „Keiner kommt an Gott vorbei – außer Stan Libuda.“ Die humoristische Verbeugung vor Dribbelkönig Reinhard „Stan“ Libuda, den seine Karriere sowohl zu Schalke 04 als auch zu Borussia Dortmund führte, stammt aus einer Zeit, als die konfessionellen Ursprünge der beiden Vereine keine wesentliche Rolle mehr spielten. Dass es einmal anders war, hatte mit den katholischen Ruhrunternehmern zu tun, die gern Arbeitskräfte in den katholischen Gegenden des heutigen Polens anwarben, wohingegen evangelische Industrielle eher auf masurische Protestanten setzten. Da Letztere sich im Raum Gelsenkirchen konzentrierten, war Schalke 04 in seinen frühen Jahren stark von evangelischen Mitgliedern masurischer Herkunft geprägt, während der BVB aus einer katholischen „Jünglingssodalität“, sprich: Kameradschaft, an der Dortmunder Dreifaltigkeitskirche hervorging.

Längst ist das Geschichte und auf dem Rasen schlagen Gläubige aller Religionen ebenso elegante Pässe wie Bekenntnislose. Die Dreifaltigkeitskirche nahe dem legendären Dortmunder Borsigplatz existiert aber immer noch und soll die letzte Station unseres Überblicks sein. Eine Ausstellung gab es in der Kirche schon zum hundertsten Geburtstag des BVB. Nun plant das Erzbistum Paderborn zusammen mit dem Verein und weiteren Beteiligten darin ein multifunktionales, barrierefreies Begegnungszentrum unter dem Motto „Wo Glaube, Fußball und Gemeinschaft sich begegnen“. Der Chor bleibt liturgischer Raum, im Schiff entsteht die zweiteilige Ausstellung „Herkunft“ und „Zusammenhalt“. Sie soll nicht das vereinseigene Museum am BVB-Stadion ersetzen, sondern mitten im Borsigplatzviertel mit seinen Menschen unterschiedlichster Wurzeln einen von ehrenamtlich engagierten Vereins- und Gemeindemitgliedern getragenen Identifikationsort schaffen. Die NRW-Stiftung fördert den Präsentationsbereich „Herkunft“, der die BVB-Geschichte vor den Hintergründen von Zuwanderung, Krieg und Nationalsozialismus erzählt.