Fast 300 Jahre nach ihrer Ausrottung soll Nordrhein-Westfalen wieder Heimat für die größte europäische Wildkatze werden. Naturschutzverbände, Wissenschaft und Land wollen die Art zurückbringen – und damit auch eine Brücke zwischen den isolierten Luchsvorkommen in Mitteleuropa bauen.

Als Ende Oktober 2025 eine Fotofalle im Kreis Olpe zuschnappte, staunten Wildtierfachleute nicht schlecht. Einen Luchs hatte es in das Hochsauerland verschlagen. Wenige Tage später wurde das heimliche Tier im benachbarten Märkischen Kreis erneut fotografiert. Danach wurde es in NRW nicht wiedergesehen. Für Expertinnen und Experten zeigen solche seltenen, inzwischen aber regelmäßigen Nachweise einzelner Luchse in NRW vor allem eines: Der Lebensraum in den Mittelgebirgen des Landes – allen voran im Rothaargebirge – ist heute wieder geeignet, um zur Heimat für Europas größte Wildkatze zu werden. Es wäre ein Comeback nach fast 300 Jahren. Im Rothaargebirge wurde 1745 der letzte Luchs auf dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalens erlegt.
Seitdem es in anderen Teilen Deutschlands wieder kleine Luchsvorkommen gibt, durchqueren einzelne Tiere immer wieder auch NRW. Dauerhaft geblieben ist bislang aber keine der scheuen Großkatzen. Das soll sich nun ändern. Mit Unterstützung der NRW-Stiftung bereiten Naturschützerinnen und Naturschützer gemeinsam mit vielen Partnern die Wiederansiedlung des Luchses vor.
In einem ersten Schritt finanziert die NRW-Stiftung zunächst eine Projektstelle, bei der die Fäden für die Planung und den Kontakt zu wichtigen Beteiligten in Behörden, Zoos, Wissenschaft, Jagd und Landwirtschaft zusammenlaufen sollen. Denn nur, wenn alle gesellschaftlichen Gruppen mit einem Interesse an Natur und Nutzung des Naturraums an einem Strang ziehen, kann die Rückkehr der Raubtiere in einem so intensiv genutzten Landstrich Europas zum Erfolg werden. Weitere Aufgabe der Projektkoordination wird es sein, den Aufbau einer Infrastruktur für die Auswilderung der Tiere vorzubereiten. In einigen Jahren könnten sich dann für die ersten Luchse die Tore zur Freiheit öffnen. Ausgewildert werden sollen Luchse, die im Zuge des Erhaltungszuchtprogramms des Europäischen Zooverbands EAZA in Zoos geboren wurden.

Europäisches Ziel
Die Rückkehr des Luchses auch in die deutschen Mittelgebirge ist seit Langem Teil internationaler und deutscher Naturschutzpolitik, denn Luchse tragen auf verschiedene Weise dazu bei, Wälder gesund zu halten. Die Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung hat das Erreichen dieses Ziels eigentlich bereits bis 2020 vorgesehen. Bisher ist die Wiederansiedlung im Harz, im Bayerischen Wald und im Pfälzerwald gelungen, wo es kleine, aber stabile Populationen gibt. Wiederansiedlungsprojekte laufen derzeit in Thüringen, Sachsen und Baden-Württemberg.
Dass Luchse – anders als Wölfe – ihre angestammte Heimat auch in den Mittelgebirgswäldern von NRW bisher noch nicht von alleine zurückerobert haben, liegt nach Einschätzung von Fachleuten nicht daran, dass geeignete Lebensräume fehlen. Im Gegenteil: Wissenschaftliche Analysen kommen zu dem Ergebnis, dass auf 2.000 bis 3.000 Quadratkilometern Waldfläche geeignete Habitate zur Verfügung stünden.
Der entscheidende Engpass für die natürliche Wiederbesiedlung liegt woanders. Deutschlands Luchsvorkommen sind klein und voneinander durch viel befahrene Straßen isoliert. Das führt dazu, dass es zwischen den rund 200 Luchsen in Deutschland kaum noch einen genetischen Austausch gibt. Auch europaweit zeigen viele Bestände eine problematisch hohe Inzuchtrate. Ohne Blutauffrischung droht beispielsweise der eng mit Deutschland verbundenen ostfranzösischen Population sogar schon innerhalb der nächsten Jahrzehnte ein erneutes Aussterben, warnen Expertinnen und Experten.
Hier kommt Nordrhein-Westfalen ins Spiel. Das Bundesland liegt zwischen den Luchsvorkommen im Harz, in Rheinland-Pfalz und in Belgien. Eine NRW-Population könnte eine überlebensnotwendige Brücke zwischen diesen bislang getrennten Vorkommen schlagen und wäre damit besonders wichtig. „Durch das erfolgreiche Vermehrungs- und Aussetzungsprojekt im Harz konnte sich dort der Luchs wieder etablieren und breitet sich langsam weiter aus“, sagt auch Josef Tumbrinck, der Leiter der Artenschutzabteilung im NRW-Umweltministerium. „Langfristig kann auch NRW ein wichtiges Bindeglied zwischen den schon existierenden Populationen in Deutschland und in Europa werden“, glaubt der Behörden-Fachmann. Umso wichtiger sei es, dass sich mit Unterstützung der NRW-Stiftung wichtige Akteure zusammengeschlossen haben, um sich darauf vorzubereiten.

Auf einem Blick
Der Luchs gehört zur Familie der Katzen und ist das größte Raubtierdieser Art auf dem europäischen Kontinent, wo er bevorzugt dichte Waldgebiete bewohnt.
Mit seinen hoch entwickelten Sinnen kann er Beute auf riesige Distanzen hören und selbst in tiefster Dämmerung noch gestochen scharf sehen.
Als strikter Einzelgänger beansprucht jedes Tier ein riesiges Territorium, das es gegen alle gleichgeschlechtlichen Artgenossen verteidigt.
Typisch für sein Erscheinungsbild sind die markanten Haarpinsel an den Ohrspitzen, die ihm beim präzisen Orten von Geräuschen helfen.

Weniger Konflikte
Dass der Luchs diese Lücke von selbst schließen könnte, halten die Experten dagegen für unwahrscheinlich. Anders als Wölfe breiten sie sich nur langsam aus. Straßen, Siedlungen und andere Barrieren überwinden sie seltener als Wölfe. Und noch etwas anderes unterscheidet die Großkatze von dem hundeverwandten Wolf: Luchse sind stark auf Rehe und junge Hirsche als Beute fixiert. Tötungen von Schafen kommen zwar vor, gelten aber als selten. Außerdem greifen die Katzen keine ganze Herde an. Nach den bisherigen Erfahrungen zeichnet sich ab, dass die Rückkehr der Luchse weniger konfliktträchtig abläuft als die des Wolfs. Gleichwohl sollen von Anfang an alle betroffenen Gruppen eng in das Projekt eingebunden werden. Auch deshalb beginnt die Planung deutlich früher als die eigentliche Auswilderung.
Bis die ersten Luchse tatsächlich durch die Wälder Nordrhein- Westfalens streifen, werden noch einige Jahre vergehen. Der Countdown für das Comeback hat aber begonnen.
Text: Thomas Krumenacker




















