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Der Stahlbungalow im Hoesch-Museum Dortmund

Foto: Sabrina Richmann

Das Dortmunder Hoesch-Museum erzählt seit zwei Jahrzehnten Geschichten von Stadt, Stahl und Menschen. Nun ist eine ungewöhnliche Perspektive hinzugekommen, denn ein scheinbar unspektakulärer Bungalow, der neben dem Museum aufgestellt wurde, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als historisches Fertighaus aus Metall – ein trautes Heim, in dem sich Bilder mit Magneten an die Wände heften ließen. Die Firma Hoesch produzierte in den 1960er Jahren mehrere Varianten solcher Stahlfertighäuser. Um eins davon für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, mussten fast dreißig Tonnen Gewicht bewegt werden.


Dortmund – die Stadt der Stahlkocher: Diese Epoche endete kurz nach der Jahrtausendwende, als auf der 1871 von der Unternehmerfamilie Hoesch gegründeten Westfalenhütte die Flüssigphase zu Ende ging. Große Teile des demontierten Betriebs gingen 2002 auf Schiffen nach Fernost. Doch schon drei Jahre später wurde im alten Portierhaus des Hüttenbetriebs das Hoesch-Museum eröffnet, das sich mit Technik und Geschichte der Stahlerzeugung sowie mit einem Firmenkosmos beschäftigt, zu dem auch Kranken- und Pensionskassen, Sportanlagen und Kultureinrichtungen gehörten.

Doch warum versuchte ausgerechnet ein Stahlunternehmen Fertighäuser zu verkaufen? Hinter der Produktoffensive stand der Wunsch, ein neuartiges Erzeugnis namens „Platal“, das aus dem Hoesch-Walzwerk in Trier kam, auf möglichst vielen Märkten zu erproben. Die korrosionsbeständige Materialverbindung, für die mit dem Slogan „Kunststoff auf Stahl = Platal“ geworben wurde, eignete sich für Alltagsgegenstände wie etwa Puderdosen ebenso wie für Konstruktionselemente. Die Hoesch-Fertighäuser aus verzinkten, PVC-beschichteten Stahlblechen, die zweischalig verbaut und mit dazwischenliegendem Styropor gedämmt wurden, folgten der aus Amerika importierten Bungalowmode und spiegelten zugleich die Ambition, mit neuen Materialien auf neue Weise zu bauen. Wirtschaftlich brachten sie dem Konzern jedoch kein Glück. 

 


Einer der Gründe für den Misserfolg war die Neigung der Häuser, sich bei sommerlichen Temperaturen enorm aufzuheizen, dem Styropor zum Trotz. Auch waren die Gebäude relativ teuer, so dass statt mehreren tausend Bungalows pro Jahr wie erhofft, insgesamt nur rund zweihundert montiert wurden. Noch vor Ablauf der 1960er Jahre beerdigte Hoesch daher seine Fertighausträume wieder. Immerhin gab es einzelne Exemplare unter anderem schon in Münster, Koblenz, in der Schweiz und auf Mallorca. Im Dortmunder Stadtteil Kleinholthausen (Bezirk Hombruch) hatte man sogar eine Siedlung aus sieben Stahlbungalows errichtet, die an leitende Hoesch-Angestellte vermietet wurden. 
 

L 141 mit Terrasse

Zu dieser Siedlung gehörte auch der im November 2022 auf das Museumsgelände versetzte Flachdachbungalow L 141 – der Buchstabe steht hier für den L-förmigen Grundriss, die Zahl für die Fläche (141 Quadratmeter) des Gebäudes, das sogar eine Terrasse hat. Um die fast dreißig Tonnen schwere Konstruktion aus dem Jahr 1966 zu bewegen, musste sie in zwei Teile zerlegt werden. Nach einer nächtlichen Fahrt mit Tiefladern wurden die beiden Haushälften dann am neuen Standort wieder zusammengefügt. Der damit verbundene Kraftakt umfasste zudem die Vorbereitung des Baugrundstücks mit Fundamentierung, Leitungen, Zuwegung und Rampen sowie die spätere Sanierung des Gebäudes.
 


L 141 war ein Prototyp, der nie in Serie ging, doch diente das Haus nicht nur zu Anschauungszwecken. Im Gegenteil: Jahrzehntelang herrschte darin reges Familienleben. Anfangs von einem Hoesch-Volkswirt bewohnt, nahm der Bungalow ab 1977 die Familie des Ingenieurs Hans-Hubert Hoff auf, die zuvor in einem kleineren Haus der Stahlsiedlung gewohnt hatte. Fünf Hoff-Kinder wuchsen zwischen metallenen Wänden heran – und sie alle kamen im Mai 2025 nach Dortmund, um bei der Eröffnung zu sehen, wie sich ihr Haus, das die Familie dem Hoesch-Museum großzügig als Geschenk überlassen hat, als Publikumsattraktion bewährt.
 


Hoesch, was kommt von draußen rein

Das Familienleben im Zuhause aus Stahl ist ein Schwerpunktthema der Präsentation, wobei originale Einrichtungs- und Ausstattungsstücke das Flair einer längst vergangenen Wohnkultur heraufbeschwören – inklusive Uschi Glas- und Pierre Brice-Poster. Doch lebte es sich überhaupt angenehm im „Home Steel Home“? Die ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner berichten fast nur Positives und betonen, dass ihr Vater das ungewöhnliche Domizil besonders liebte. Kuriose Details fehlten natürlich nicht: Töne wie Hammerschläge, wenn sich bei Kälte die Wände verziehen, erlebt man in gemauerten oder gezimmerten Behausungen eher selten. Im Stahlhaus hingegen klopfte der Winter gerne sehr vernehmlich an.
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Text: Ralf J. Günther
 

Wegweisendes Engagement

Im Hoesch-Museum kooperieren ehemalige Hoeschianer mit der Stadt Dortmund, thyssenkrupp Steel Europe und weiteren Beteiligten. Gestützt auf Exponate, Digitalangebote und Veranstaltungen etwa zu Themen des Strukturwandels ist das von rund siebzig Ehrenamtlichen getragene Museum breit aufgestellt. Als multi­mediales Highlight bietet es ein „3D-Stahlwerk“ mit der Möglichkeit, virtuell in die Produktion einzugreifen. Die „Freunde des Hoesch-Museums e. V.“ wurden vom Förderverein der NRW-Stiftung 2016 mit dem WegWeiser-Preis ausgezeichnet.

Blickpunkt

Die NRW-Stiftung unterstützte die „Freunde des Hoesch-Museums e. V.“ bereits bei der Einrichtung des Museums und bei der Installation eines multimedialen 3D-Stahlwerks. Zuletzt half sie bei der Translozierung des Stahlbungalows L 141 auf das Museumsgelände.