Bilderwelten in der Beletage, Landschaften in lebendigem Licht: Das B. C. Koekkoek-Haus in Kleve ist wieder eröffnet! Zweieinhalb Jahre waren notwendig, um die Zukunft des Hauses zu sichern, das seit 1997 Eigentum der NRW-Stiftung ist. Investitionen in Betrieb, Brandschutz und Barrierefreiheit verbanden sich dabei mit der Auffrischung von Farben und Materialien. Das „Museum für Romantik“ – eine der Top-Kunstadressen in NRW – hat noch mehr Strahlkraft gewonnen, die Ausstellung konnte zudem um wertvolle Stücke erweitert werden.

Stilvoller und durchdachter hätte sich die heraufziehende Gefahr, das Koekkoek-Haus wegen mangelnden Brandschutzes in absehbarer Zeit schließen zu müssen, kaum abwenden lassen, zumal unter gleichzeitiger Bemühung um Barrierefreiheit. Für Ursula Geisselbrecht-Capecki, künstlerische Leiterin des Hauses, genau das erhoffte Ergebnis: An die Stelle einer veralteten Infrastruktur aus den 1970er Jahren sind zeitgemäße Funktionalitäten getreten, die sich dezent der historischen Situation unterordnen. Elektrik und Alarmanlage befinden sich auf aktuellem Stand, neue Rauchtüren im Treppenhaus greifen alte Fensterformen auf, Kabelstränge verlaufen verdeckt, und sogar der rollstuhlgerechte Lift ist exakt in das bestehende Baugefüge eingepasst. Finanziell ermöglicht wurden die Maßnahmen durch eine großzügige Zuwendung der 1983 gegründeten, gemeinnützigen T. VON ZASTROW FOUNDATION, deren Stiftungsratsmitglied Vera von Zastrow auch Mitglied im Förderverein der NRW-Stiftung ist.
Für die Liftanlage, die gemäß dem Bekenntnis der NRW-Stiftung zu einer Heimat ohne Hindernisse installiert wurde, machten sich die Architekten Werner und Barend van Ackeren einen alten Versorgungsschacht im Flurbereich zunutze – eine statisch anspruchsvolle, aber elegante Möglichkeit, um dem Hauseinen Anbau zu ersparen. Da Außenwände und Salons so von Durchbrüchen unberührt blieben, konnten Mittel aus dem NRW-Landes-Förderprogramm „Heimatzeugnis“ volle Wirkung bei der Restaurierung und Erneuerung von Materialien und Farben entfalten – zugunsten von Stuckdecken, Treppen, Türen, Holzverkleidungen und Böden. Ursula Geisselbrecht-Capecki: „Das Haus spricht wieder zu uns, die Gemälde wirken vor dem neuen Hintergrund noch lebendiger.“




Wahlheimat Kleve
Repräsentation und Eleganz spielten im Leben des 1803 im niederländischen Middelburg geborenen Barend Cornelis Koekkoek eine wichtige Rolle. 1822 einer der ersten Studenten auf der neuen Königlichen Akademie der Bildenden Künste in Amsterdam, führten ihn spätere Wanderjahre unter anderem in die Künstlerkolonie Hilversum, bevor er mit dreißig Jahren, frisch verheiratet, ins preußische Kleve zog. Koekkoek schätzte dessen hügelige Lage, die Weite der Blicke und die Nähe des Rheins – eines Hauptmotivs romantischer Kunst. Von der Schwanenstadt aus ließ sich überdies leicht Kontakt mit den Niederlanden halten. Last not least: „Bad Cleve“ zog betuchte Menschen aus Adel und Bürgertum an, die hier Kuraufenthalte verbrachten oder dauerhaft lebten.
Heute gilt Koekkoek als bedeutendster niederländischer Landschaftsmaler vor van Gogh. Seine an Vorbildern des 17. Jahrhunderts geschulten Werke, darunter viele klare Winterszenen, haben auf Auktionen schon Beträge über der Millionengrenze erzielt. Zu Lebzeiten war er das Gegenteil des verkannten Genies, arbeitete vielmehr wirtschaftlich äußerst erfolgreich und wurde von Ehrungen förmlich überhäuft. Der Kunde war ihm König, nein: Könige waren seine Kunden – die Monarchen der Niederlande, Russlands, Belgiens, Frankreichs und Preußens.

Malen für Majestäten
In hohem Maße auf gekröntes Wohlwollen stieß das unhandlichste aller Ölbilder Koekkoeks, eine Leinwand von stolzen 175 mal 160 Zentimetern. Nicht weniger als drei Majestäten begeisterten sich für die „Große Waldlanschaft“ des Meisters, deren in Kleve ausgestellte Urfassung aus dem Jahr 1839 einst zur Sammlung des niederländischen Königs Willem II. gehörte. Dass letzterer mit der Zarentochter Anna Pawlowna verheiratet war, eröffnete Koekkoek die Möglichkeit, auch dem russischen Thronfolger und späteren Zar Alexander II. eine Version des Bildes zu verkaufen. Eine dritte Fassung erhielt der französische „Bürgerkönig“ Louis Philippe.
Verloren ist die Urversion eines Bildes, das der „Romantiker auf dem Thron“ – Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. – 1845 bei einem Besuch in Kleve für sich reklamierte, obwohl es einen Käufer schon gab. Koekkoek entsprach dem Wunsch des allerhöchsten Vordränglers, der ihm für seine Verdienste als Maler sowie als Gründer eines Zeichenkollegiums und Kunstvereins in Kleve immerhin den preußischen Roten Adlerorden verliehen hatte. Der geprellte Erstkunde erhielt stattdessen eine stark verkleinerte Fassung der „Heuernte“ im abendlichen Licht. Sie ist seit 2023 Eigentum der NRW-Stiftung, die sie dem Museum als Dauerleihgabe anvertraut hat.

Palazzo mit Praxis
1843 erwarb Koekkoek ein Grundstück vor der ehemaligen Klever Stadtbefestigung, wo er zunächst einen als „Belvedere“ bezeichneten Atelierturm mit Blick über die Rheinebene errichten und durch Pallas Athene alias Minerva, die Göttin der Kunst, krönen ließ – die Statue wurde 2012 mithilfe der NRW-Stiftung rekonstruiert.
Für seinen fünf Jahre später im Stil der italienischen Renaissance vollendeten Palazzo zog der Bauherr den Klever Architekten Anton Weinhagen hinzu. Allerdings hoffte Koekkoek vergeblich, ein kleines Zollhäuschen erwerben zu können, das direkt an seine Villa angrenzte. Das gelang erst dem Arzt Hans van Ackeren, der 1902 Eigentümer des Koekkoek-Palais’ wurde. Er ersetzte das Häuschen durch einen architektonisch angeglichenen Praxisanbau an das Künstlerpalais, wobei im Innern allerdings der Jugendstil dominierte, unter anderem in Form eines Treppengeländers aus Drache und Schlange.
Im Zweiten Weltkrieg beschädigt und geplündert, aber nicht zerstört, diente das Koekkoek-Haus in den 1950er Jahren als Klever Rathaus und ab 1960 als städtisches Museum. Als letzteres 1996 ins Klever Kurhaus umzog, drohte dem Palais der Einzug einer Bank. Zum Glück fand der „Freundeskreis Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve“ mit der NRW-Stiftung eine gemeinnützige Partnerin, die die Künstlervilla erwarb und der „Stiftung B. C. Koekkoek-Haus“, in der die Stadt Kleve die Dritte im Bunde ist, zur Nutzung überließ. Es folgte die Einrichtung eines Museums für romantische Kunst, eingebettet in zeitgenössische Wohnkultur, inklusive einiger von Koekkoek selbst benutzter Möbel. Als grenzübergreifender Kulturort, der viele Menschen aus den Niederlanden nach Kleve führt, wurde das Haus vom niederländischen „Rijksdienst Beeldende Kunst“ mit hochkarätigen Dauerleihgaben unterstützt.

Reisen im Rheinland
Kunstschaffende in der Tradition Koekkoeks komponierten ihre Bilder im Atelier – das erwähnte Belvedere erinnert daran. Der Maler legte gleichwohl großen Wert darauf, bei Reisen „die zauberhaften Schattierungen der schönen und heiligen Natur immer besser kennenzulernen“. Aus NRW-Sicht interessant: Koekkoek hielt seine Eindrücke von Aufenthalten an Rhein, Ruhr, Wupper, Volme, Ennepe und Ahr nicht nur mit Zeichenstift und Pinsel, sondern auch mit der Schreibfeder fest. Daraus entstand sein 1841 veröffentlichtes Buch „Herinneringen en Medeelingen van eenen Landschapschilder“ (Erinnerungen und Mitteilungen eines Landschaftsmalers).
Der Band würdigt nicht zuletzt das Tal, in dem 1856, noch zu Lebzeiten des Verfassers, die berühmtesten aller Fossilien auftauchten – das Neandertal mit dem Flüsschen Düssel, an dessen „kristallklarem Wasserlauf“ sich Koekkoek besonders wohlfühlte. Ohnehin schrieb er der Natur hohe Bedeutung für das menschliche Seelenleben zu, nur durch ihre Wirkungen vermochte er sich etwa die „glückliche Stimmung“ zu erklären, die ihm in Elberfeld auffiel. Als überwältigend empfand er den Drachenfels: „Lass es sein, Maler! Begnüge dich mit dem Eindruck auf deine Seele. Versuche diesen rein zu bewahren, falls du kannst, das wird dich lehren zu schaffen...“

Die Mona Lisa von Kleve
Koekkoeks Naturbegeisterung erklärt, warum er nur wenige Porträts schuf, darunter ein in Kleve hängendes Bild aus dem Jahr 1846. Es zeigt eine junge Frau vor einer Parklandschaft auf grünem Gartenstuhl. Ruhigen Blicks hat sie ihr Buch auf den Schoß sinken lassen, die Finger dienen als Lesezeichen, auf dem Tisch neben ihr liegt eine Rose. Wir sehen eine Witwe – die schwarze Stola und das schwarze Kleid mit dem Spitzenkragen beweisen es, die Blume ist als Erinnerung an den verstorbenen Ehemann zu deuten. Doch mehr war über die rätselhafte „Mona Lisa von Kleve“ lange Zeit nicht bekannt.
Inzwischen scheint sicher, dass das Gemälde eine Schwester des Malers zeigt. Die 1811 geborene Anna Koekkoek war allerdings schon Mitte dreißig, als sie porträtiert wurde. Nicht nur die Tatsache, dass sie auf dem Bild jünger wirkt, auch die Witwentracht wirft Fragen auf, wissen wir doch, dass Anna exakt im Entstehungsjahr des Werks zum zweiten Mal heiratete. Ihre erste Ehe, 1837 geschlossen, war nach nur einem Jahr durch den Tod des Mannes zerrissen worden. Das Porträt muss demnach aus privaten Gründen als rückblickende Erinnerung an die lange Witwenschaft der Schwester und an den verstorbenen Schwager des Künstlers gemalt worden sein.

Künstlerfamilie
An den Schicksalsschlägen, die im Alter auf die Schwester warteten, konnte der Bruder keinen Anteil mehr nehmen. Anna überlebte ihn, ihren zweiten Mann, eine Tochter und zwei Söhne. Sie starb 1879. Koekkoek hingegen erlitt 1858 mit nur 56 Jahren einen Schlaganfall, das Aus für sein Schaffen. Er starb am 5. April 1862, sein Grab befindet sich auf dem Alten Friedhof Linde in Kleve. Noch 1861 hatte man den vielfach Gefeierten zum Ehrenmitglied der Kaiserlichen Akademie der Künste zu Sankt Petersburg ernannt, posthum vertrat er die Niederlande auf der kurz nach seinem Tod eröffneten Londoner Weltausstellung.
Der Vater und zwei Brüder von B . C. Koekkoek waren Marinemaler, er selbst heiratete die Malerin und Lithografin Elise Thérèse Daiwaille (1814–81). Zwei der fünf Töchter, Adèle und Marie, betätigten sich ebenfalls kreativ, hatten als Frauen allerdings keinen Zugang zum Studium an Einrichtungen wie der Kunstakademie in Düsseldorf, wo beide zeitweilig lebten. Im Gegensatz zu vielen männlichen Nachfahren der weitverzweigten Künstlerfamilie Koekkoek ohne Karrierechance, schufen sie im häuslichen Rahmen gleichwohl kleine Landschaften, Stillleben und Scherenschnitte.




Haus der NRW-Stiftung
Als repräsentatives Künstlerhaus lässt sich die Wohn- und Wirkungsstätte des „Malerprinzen“ Barend Cornelis Koekkoek mit der einige Jahrzehnte jüngeren, ebenfalls im Stil der italienischen Renaissance errichteten Villa des „Malerfürsten“ Franz von Lenbach (1836–1904) in München vergleichen. Als Haus der NRW-Stiftung steht es in einer Reihe mit so unterschiedlichen Objekten wie etwa dem Neanderthal Museum in Mettmann, dem Radioteleskop „Astropeiler“ in der Eifel oder Schloss Drachenburg im Siebengebirge.
Im Falle des Koekkoek-Hauses engagierte sich die Stiftung mehrfach auch für die Erweiterung der Sammlung, so 1999 beim Erwerb eines monumentalen Gemäldes des Koekkoek-Schülers Cornelis Lieste und 2012 beim Ankauf von Koekkoeks außergewöhnlicher Stadtansicht „Souvenir de Clèves“. Von der 2023 erworbenen „Heuernte“ war bereits die Rede, im gleichen Jahr wurde die NRW-Stiftung Eigentümerin eines 1856 entstandenen Bildes mit der St. Vitus-Kirche in Elten. Diese Kirche, das Gotteshaus eines ehemaligen Reichstifts (s. Abb. S. 3 und vgl. Artikel Herford in diesem Heft), hatte er von seinem Atelierturm aus tagtäglich im Blickfeld. Die eigenhändige Echtheitsbestätigung auf der Bildrückseite zeugt davon, dass Koekkoek sich gegen Fälschungen wehren musste.
Neuer Empfangsbereich
Ein Baudenkmal soll ein Stück Vergangenheit bewahren. „Das B. C. Koekkoek-Haus hat eine Verjüngung erhalten, es ist nicht neu erfunden worden“, sagt daher Ursula Geisselbrecht-Capecki. Diese Kontinuität war auch für den Architekten Werner van Ackeren wichtig, der scherzhaft von sich behauptet, er sei im Leben nicht weit gekommen, weil er im Haus des Meisters geboren wurde und nun in dessen Atelierturm wohnt. Er und sein Sohn Barend van Ackeren, dessen Vorname natürlich kein Zufall ist, haben mit ihren Planungen alles daran gesetzt, die Residenz des Malerprinzen authentisch zu erhalten.
Spielraum für Veränderungen blieb im Empfangsbereich des Museums. Durch die Verlegung des Haupteingangs an die Jugendstilpforte des bereits erwähnten Praxisanbaus ließen sich hier zusätzliche Räume öffnen und die Bedingungen für Veranstaltungen verbessern. Der Empfang mit Museumsshop und Antiquariat wurde großzügig erweitert, eine ehemalige Küche verwandelte sich in eine Besucherlounge, der Galeriegang des Untergeschosses eignet sich für kleine Verkaufsausstellungen. Saniert wurde darüber hinaus der Park hinter dem Haus. Nicht zu vergessen die neue Webseite, auf der man online malerische Romantik durchstöbern kann – am besten zur Vorbereitung eines Besuchs vor Ort.
Text: Ralf J. Günther
Blickpunkt

Das B. C. Koekkoek-Haus in Kleve ist ein Haus der NRW-Stiftung, die es im Jahr 1997 als Eigentum erworben hat. Im Interesse der Öffentlichkeit genutzt wird das Palais durch die „Stiftung B. C. Koekkoek-Haus“, an der neben der NRW-Stiftung der „Freundeskreis Museum Kur-haus und Koekkoek-Haus Kleve“ sowie die Stadt Kleve beteiligt sind.
www.koekkoek-haus.de






















