Kameras und Satellitensender

Mit Hightech für den Rotmilan

Gleitender Rotmilan im blauen Himmel

Foto: Thomas Krumenacker

Im Siegerland verfolgen Vogelschützer und Wissenschaftler mit Kameras und Satellitensendern das Leben von Rotmilanen rund um die Uhr. Das Monitoring ist Teil eines europaweiten Großprojekts, mit dem die Todesursachen der gefährdeten Greif­vogelart erforscht und Schutzmaß­nahmen auf den Weg gebracht werden sollen.


Der Vogel schwebt wie ein leuchtend rot gefärbter Drachen mit weit ausgebreiteten Schwingen und aufgefächertem Schwanz reglos am Himmel und beobachtet neugierig die Menschen unter sich. Dann gleitet er, ohne einen Flügelschlag zu tun, lässig davon: Begegnungen mit Deutschlands schönstem Greifvogel, dem Rotmilan, gehören zu den eindrucksvollsten Augenblicken bei Ausflügen in die Natur. Nicht umsonst trägt der Milan im Englischen den Namen Red Kite – roter Drachen.

In Nordrhein-Westfalen ist der hübsche Greifvogel vor allem in den Mittelgebirgen noch weit verbreitet, sein Bestand nimmt seit einigen Jahren sogar leicht zu. Erst seit kurzem haben die Vögel ihr Verbreitungsgebiet wieder in die tiefer liegenden Regionen des Landes ausgeweitet und können inzwischen am unteren Niederrhein und im Münsterland regelmäßig beobachtet werden. Doch auch wenn die Population leicht wächst – ohne Gefahren ist das Leben der hübschen Vögel nicht. Kollisionen mit Stromleitungen, Zügen oder Windkraftanlagen, Raumnot in der vom Menschen immer intensiver genutzten Landschaft und sogar gezielte Vergiftungen machen Rotmilanen ebenso wie anderen Greifvögeln zu schaffen.
 


Dem Ziel, dem Charaktervogel der offenen Mittelgebirgslandschaft dauerhaft das Überleben zu sichern, haben sich deshalb zahlreiche Initiativen verschrieben. Auch die Biologische Station Siegen-Wittgenstein ist Teil des Netzwerks. Rotmilane sind eine von sechs Zielarten des Langzeitprojekts der Station zur Verbesserung des Lebensraums für Tiere und Pflanzen ,,Siegerländer Natur- und Kulturlandschaften“, das aus Mitteln aus dem EU-Naturschutzfonds LIFE gefördert wird. 

Um den Rotmilanen zu helfen und naturinteressierten Menschen gleichzeitig Einblicke in das Leben der scheuen Vögel zu ermöglichen, haben die Siegerländer Naturschützerinnen und Natur­schützer vor einigen Jahren damit begonnen, an einigen Horsten Kameras zu installieren, die das Geschehen im Nest in Echtzeit ins Internet übertragen. Mittlerweile sind Kameras an 20 Vogelnestern online. Welche Vogelart gerade „auf dem Programm steht“, liegt dabei nicht in der Hand der Biologen. Denn die Vögel entscheiden, ob in einem Jahr ein Mäusebussard, ein Rotmilan, ein Habicht oder keiner von ihnen einen der Kamera-Horste bezieht.
 


Einblicke in den Überlebenskampf der Natur

In den vergangenen Jahren haben die Vogelschützerinnen und Vogelschützer neben vielen schönen Erlebnissen auch manche Rückschläge im Vogelleben hautnah miterleben können. So wurden sie Zeuge, wie Waschbären eine Rotmilan-Brut ausplünderten und einmal konnten sie sogar aufdecken, dass ein Rotmilan vergiftet wurde. „Das Vogelleben ist weniger idyllisch, als wir uns das vorstellen“, sagt Jasmin Mantila-Contreras, die wissenschaftliche Leiterin der Biologischen Station Siegen-Wittgenstein. „Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass nur etwa ein Drittel der Jungvögel überhaupt das Erwachsenenalter erreicht.“

Umso wichtiger ist es, mehr über die potenziellen Gefahren zu erfahren, denen die Vögel ausgesetzt sind. Im Falle der von Waschbären geplünderten Rotmilan-Brut beispielsweise haben die Naturschützerinnen und Naturschützer an gefährdeten Horstbäumen Schutzfolien um die Baumstämme gelegt, um Waschbären künftig am Hochklettern zu hindern.

Seit diesem Jahr setzen die Milanschützer ein weiteres Hightech-Mittel ein, um ihren Schützlingen langfristig das Leben zu erleichtern: Satellitensender. Die wenige Gramm schweren Geräte, die den Vögeln als eine Art Rucksack umgeschnallt werden, zeichnen jede Flugbewegung auf und liefern in Echtzeit Standortdaten. „Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse über Lebensgewohnheiten, Aufenthaltsorte und die Zugwege sollen helfen, passgenaue Schutzmaßnahmen für die Vögel einzuleiten“, erläutert Mantilla-Contreras.
 

Elf Vögel tragen Hightech-Sender

Drei erwachsene Rotmilane und acht Jungvögel konnten in diesem Sommer bereits mit Sendern ausgestattet werden. Insgesamt sollen 16 Tiere Teil des Projekts werden. Das Projekt im Siegerland ist Teil der europaweiten Initiative „LIFE-EuroKite“. Ziel ist es herauszufinden, welche Umweltprobleme den Rotmilanen in ganz Europa am meisten zusetzen. Dazu wurden in den vergangenen beiden Jahren wie im Siegerland überall in Europa inzwischen schon hunderte Vögeln mit Sender-Rucksäcken ausgestattet. Zusammen mit Vögeln aus anderen Schutzprogrammen liefern bereits mehr als 3.000 besenderte Rotmilane aus 26 europäischen Ländern Daten an ein Team von Wissenschaftlern. Zwischenergebnisse des Projekts zeigen, dass neben natürlichen Todesursachen, beispielsweise durch Fressfeinde wie Uhus oder Habichte, Vergiftungen, Kollisionen mit Zügen und der Tod an Windrädern die häufigsten Todesursachen für Rotmilane in Europa sind.

Dass dieser Aufwand ausgerechnet für den Rotmilan betrieben wird, hat einen guten Grund. Denn als eine von ganz wenigen Vogelarten sind die „fliegenden Drachen“ ausschließlich in Europa verbreitet. Deutschland ist besonders wichtig für das Überleben der Vögel. Mit etwa 15.000 Brutpaaren leben hierzulande gut 40 Prozent aller Rotmilane der Erde – 1.000 davon in Nordrhein-Westfalen.
 


Im Siegerland hoffen Jasmin Mantilla-Contreras und ihre Kolleginnen und Kollegen auf eine Rückkehr „ihrer“ Rotmilane aus dem Winterquartier im zeitigen Frühjahr – auf einen der Horste mit angeschlossener Live-Kamera und mit vielen neuen wertvollen Daten in ihrem „Gepäck“ auf dem Rücken.

Text: Thomas Krumenacker
 

Blickpunkt

In Kooperation mit der europaweiten Initiative „LIFE-EuroKite“ und mit Hilfe der NRW-Stiftung und der Stöckmann-Stiftung sollen im Siegerland insgesamt 16 Rotmilane mit modernsten Satellitensendern ausgestattet werden. Ziel des Projektes ist es, mehr über die Gefährdungsursachen herauszufinden. Die NRW-Stiftung unterstützt das Forschungsprojekt mit rund 40.000 Euro, unter anderem für die Anschaffung der Sender.
www.biostation-siwi.de