Bei Marsberg im Hochsauerlandkreis hat sich eine der größten zusammenhängenden Kalkmagerrasen-Landschaften Nordrhein-Westfalens erhalten. Entstanden ist sie durch jahrhundertelange Beweidung mit Schafen und Ziegen – und nur durch diese Form der Nutzung kann sie erhalten werden.

Sanft geschwungene Hügel, durchzogen von Heckenreihen, ein Meer aus weißen Blüten der Wilden Möhre und dazwischen immer wieder die Farbtupfer blühender Orchideen: Die Kalkmagerrasen im Glockengrund bei Marsberg-Udorf gehören zu den artenreichsten Offenlandschaften Nordrhein-Westfalens. Auf den nährstoffarmen Kalkböden wachsen botanische Schätze wie das Dreizähnige Knabenkraut und die Bienen-Ragwurz. Bläulinge der unterschiedlichsten Arten und stark bedrohte Große Perlmutterfalter finden hier Nahrung und in den Hecken brüten Neuntöter und Dorngrasmücke.
Was wie ursprüngliche Natur inmitten einer ansonsten intensiv genutzten Landschaft wirkt, ist in Wirklichkeit das Ergebnis jahrhundertelanger Bewirtschaftung durch Menschen und ihre Tiere. Auf dem nährstoffarmen und trockenen Kalkgestein lohnte sich Ackerbau seit jeher kaum. Stattdessen trieben die Menschen ihr Vieh zum Weiden darauf. So wurden die kärgsten und „nutzlosesten“ Ecken häufig von der intensiven Nutzung verschont, die sich auf den fruchtbaren Ackerböden immer stärker entwickelte. „Heute sind das unsere wertvollsten Flächen, die den Artenreichtum noch tragen“, sagt Werner Schubert, der langjährige Leiter der Biologischen Station im Hochsauerlandkreis.

Ohne Schafe keine Kulturlandschaft
Mit dem Rückgang der Wanderschäferei geriet dieses über Jahrhunderte entstandene Landschaftsbild vielerorts jedoch unter Druck. Denn ohne Beweidung verbuschen die Flächen innerhalb weniger Jahre – Sträucher und Bäume verdrängen lichtliebende Orchideen und andere Blühpflanzen. Es mag paradox erscheinen: Für Tiere und Pflanzen vieler Kulturlandschaften ist der Verzicht auf jegliche Nutzung eine ebenso große Gefahr wie es die Übernutzung durch die Intensivlandwirtschaft ist.
Um das schleichende Verschwinden auch der Magerrasen im Glockengrund und den angrenzenden Gebieten zu verhindern, wurden Schubert und seine Mitstreitenden vom Verein für Natur- und Vogelschutz im Hochsauerlandkreis schon Ende der 1980er Jahre aktiv. Sie gewannen die NRW-Stiftung als Partnerin, die nach und nach die wichtigsten Flächen erwarb, um sie für den Naturschutz zu sichern und eine Traditionslandschaft des Sauerlandes zu bewahren. Auch das Land Nordrhein-Westfalen und der Verein selbst steuerten Flächen bei. Nicht weniger wichtig war aber eine dauerhafte Lösung für die Beweidung.

„Wir brauchten ein Bewirtschaftungskonzept, das auf eigenen Beinen steht“, erinnert sich Schubert. Ziel war es, wieder einen Schäfereibetrieb anzusiedeln, der wirtschaftlich arbeiten und gleichzeitig die wertvollen Magerrasen erhalten konnte. Mit dem Schäferpaar Ralf Bauer und Sigrid Kemmerling wurden die perfekten Partner gefunden. Etwa 500 Muttertiere umfasst ihre Schafherde heute. Hinzu kommen einige Ziegen.

Unverzichtbar für den Erfolg des Projekts war auch der Erwerb einer alten Feldscheune, die mit viel Engagement der Vereinsmitglieder zum Schafstall umgebaut wurde. Dort finden die Schafe im Winter Unterschlupf und im Frühjahr kommen hier die Lämmer zur Welt.

Weidetiere als Spezialisten
Beim Weiden übernehmen Schafe und Ziegen unterschiedliche Aufgaben. Die Ziegen verhindern das Aufkommen von Büschen, während die Schafe das Gras fressen. Die Weidetiere sind aber mehr als nur vierbeinige Rasenmäher, die die Flächen offenhalten. „Die Wanderschäferei ist ein lebendes Biotopverbundsystem“, sagt Schubert. „Die Tiere transportieren Samen und im Fell der Schafe reiten schon mal Heuschrecken mit.“
Früher gehörte diese Auffrischung der genetischen Vielfalt durch die Vernetzung der isolierten Standorte über Weidetiere zum Alltag. Heute liegen viele artenreiche Wiesen dagegen wie Inseln in der intensiv genutzten Landschaft voneinander isoliert. Um den Austausch dennoch zu erhalten, wird Artenvielfalt oft aufwendig von Menschen über das Ausbringen von Mahdgut aus artenreichen Wiesen übertragen. „Die Ausbreitungswege für Pflanzen und kleine Tiere sind heute meist unterbrochen“, weiß Schubert. Nicht so im Glockengrund: Dort können die Samen von Orchideen und anderen Pflanzen heute wie in früheren Zeiten per „Schaf-Taxi“ reisen. Und nicht nur sie: Sogar kleine Zauneidechsen wurden schon als Anhalter im Schafspelz beobachtet.
Text: Thomas Krumenacker
Blickpunkt
Bei Marsberg sorgen Schafe und Ziegen dafür, dass artenreiche Kalkmagerrasen nicht verbuschen. Die NRW-Stiftung ist seit vielen Jahren Partnerin des Projekts zur Erhaltung der wertvollen Wiesenlandschaft im Hochsauerland. Sie hat dazu zahlreiche Flächen aufgekauft, auf denen sich Naturschutz mit einer traditionellen Nutzung der Wiesen verbindet. Auch die Finanzierung des neuen Daches für den Schafstall hat die Stiftung übernommen.




















