Durch Röhren in flimmernde Fernen

Das Museumsstudio in Ense

Foto: NRW-Stiftung

Es gab Zeiten, da ließ sich für jedes im Fernsehen übertragene Fußballspiel präzise vorhersagen: Wir werden ein 4:3 erleben. Nun, jahrzehntelang galt das für alle TV-Ausstrahlungen, gleichgültig ob Sport, Quiz, Tagesschau oder Krimi. Denn das Breitbildfernsehen im Seitenverhältnis 16:9 ersetzte erst nach der Jahrtausendwende endgültig den früheren Standard. Technische Revolutionen erlebten TV-Bilder allerdings auch schon zu Zeiten von Köpcke, Kulenkampff und Co., daran erinnert das Museumsstudio des Vereins „4zu3“ im sauerländischen Ort Ense. Hobbythek-Legende Jean Pütz zum Beispiel hatte es vor über fünfzig Jahren mit einer Maschine namens TR 70 zu tun.

Man sollte an die Anfänge erinnern“, so der Vereinsvorsitzende Arne Kaiser beim Talk mit Pütz im Museumsstudio. „Etwa an Herrn Nipkow, der in Berlin saß und einmal woanders hingucken wollte in der Welt …“ Nipkow? Gemeint ist Technikpionier Paul Nipkow, der sich 1885 ein „elektrisches Teleskop“ patentieren ließ. Es nutzte durchlöcherte, drehbar gelagerte Scheiben, um Bilder optisch abzutasten, die Lichtpunkte in elektrische Signale zu verwandeln und per Draht weiterzuleiten. Auf der Empfangsseite erfolgte ebenfalls per Scheibe die Rück­verwandlung zum Bild. Genial, auch wenn das Verfahren für massenmediale Zwecke noch nicht taugte.

Studio ’70

Zugegeben: Im Vergleich zur Nipkow-Scheibe wirkt die Technik im Museumsstudio Ense geradezu modern. Doch es kommt immer auf die Perspektive an. Wer in die digitale Welt hineingeboren wurde, dem dürften die Geräte der 1950er bis 90er Jahre eher wie vorzeitliche Relikte erscheinen, seltsame Apparaturen, die nach dem Einschalten nicht „hochfahren“, dafür aber oft erst warm werden müssen, um sich zu regen. Ältere Semester hingegen wissen noch, wie flimmernde TV-Röhren insbesondere an Samstagabenden für Familienzusammenkünfte sorgten – mit frisch gebadeten Kindern auf Sofas und ebenso frisch gebadeten Fernsehlieblingen auf Sendung.
 

Das Museumsstudio Ense, kurz MSE – eine private Initiative – residiert seit 2019 auf einem Hof im Ortsteil Gerlingen, wo es trotz vermeintlicher Abgelegenheit verblüffende Resonanz hat. Zahlreiche Gäste finden sich etwa zu den alljährlichen Sommerfesten ein, darunter Studierende und junge Medienleute, aber ebenso Profis, die bereits vor Jahrzehnten vor oder hinter Kameras agierten. Zu den Unterstützern des Projekts zählen der WDR, das Deutsche Technikmuseum in Berlin und das „Technoseum“ in Mannheim. Regelmäßig nutzt der Verein sein analoges Equipment für selbstproduzierte Talkrunden – abrufbar bei YouTube. In das Format namens „Studio ’70“ wurden neben dem erwähntenJean Pütz auch schon Maus-Miterfinder Armin Maiwald, Ex-ZDF-Kamerafrau Minya Backenköhler oder Schlagersänger Peter Orloff eingeladen. Das Sendungslogo erinnert durch Jahreszahl und Farbe bewusst an jene Dekade, die Mode, Mopeds, Möbel und mehr gerne in tiefes Orange tauchte.
 

Hilfe für TR 70

Eine Revolution der Fernseharbeit bewirkte in den 1960er Jahren die sogenannte Magnetaufzeichnung, besser bekannt als MAZ, ein Verfahren, das später per Videorekorder auch in Privathaushalte vordrang. Bevor es existierte, ließen sich TV-Inhalte nur mithilfe von traditionellem Filmmaterial sichern – Live-Ausstrahlungen wurden von den Sendern zwecks Archivierung manchmal einfach vom Bildschirm abgefilmt! Für rasche Berichterstattung war Zelluloid denkbar ungeeignet, musste es doch umständlich chemisch entwickelt, geschnitten und mit der Tonspur synchronisiert werden. Magnetbänder waren schneller und erleichterten zudem Vorabaufzeichnungen. Allerdings waren die tonnenschweren MAZ-Maschinen der frühen Jahre nur im Studio zu verwenden, weshalb sich bei Fernsehfilmen seinerzeit oft auf merkwürdige Weise filmisch verrauschte Außenaufnahmen mit magnetisch klaren Innenszenen abzuwechseln begannen.
 


Um MAZ-Systeme aus Amerika an das deutsche PAL-Farbsystem anzupassen, kooperierte der Westdeutsche Rundfunk mit der Firma RCA und ließ dabei Erfahrungen aus seinem Farbfernseh-Versuchslabor in Köln-Ehrenfeld einfließen. Das Ergebnis der Zusammenarbeit hieß TR 70 – TR für Television-Rekorder. Ein Exemplar davon steht heute in Ense. Mit ihm wurden jahrzehntelang Sendungen wie etwa „Ein Herz und eine Seele“ oder rheinisch-westfälische Reportagen verewigt. Die NRW-Stiftung hilft aktuell bei der aufwendigen Instandsetzung der Anlage, denn nur wenn sie einsatzbereit ist, kann sie dabei helfen, noch nicht gesicherte Zwei-Zoll-Magnetbänder in Zukunft zu digitalisieren.
 


Das notwendige Knowhow für die Rettung von TR 70 besitzen die Vereinsmitglieder Semir Nouri und Martin Klinger. Wie das MAZ-Verfahren die Praxis beeinflusste, erklärt hingegen am besten Jean Pütz, der mehr als dreißig Jahre für den WDR arbeitete. Ohne TR 70, so der Hobbythek-Erfinder, wäre er vermutlich nie Fernsehmoderator geworden. Schließlich hatte der damalige Studienrat nur Schulstunden „moderiert“, bevor ihn der WDR 1970 als Redakteur verpflichtete. Als einige Zeit später dreizehn Folgen einer Reihe zum Thema Elektronik mit ihm als Präsentator aufgezeichnet werden sollten, waren dafür nur zwei Monate angesetzt, in denen der Neuling trotzdem relativ rasch Routine gewann. Doch bei Folge eins, erinnert sich Pütz, sei er so schlecht gewesen, dass eine zufällige Beschädigung des Magnetbandes zum Glücksfall wurde: Dank TR 70 ließ sich gerade noch rechtzeitig vor Ausstrahlung eine neue Version herstellen, die den peinlichen Erstling vergessen machte. „Seitdem galt ich beim WDR als Talent“, so Pütz.

Text: Ralf J. Günther

Blickpunkt

Die NRW-Stiftung stellt dem Verein „4zu3“ in Ense finanzielle Mittel fürdie Restaurierung einer historischen MAZ-Maschine aus den Beständen des WDR zur Verfügung. Das Gerät hat NRW-Fernsehgeschichte mitgeschrieben. Der Verein dient der Förderung von Kultur- und Bildungsarbeit zu Mediengeschichte, Medientechnik und Medienproduktion. Er betreibt zu diesem Zweck mit einem engagierten Team das Museumsstudio Ense.

www.tv-museum.de 
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