Doppeljubiläum

80 Jahre NRW – 40 Jahre NRW-Stiftung

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst und Eckhard Uhlenberg sitzen an einem Besprechungstisch

Foto: Judith Büthe

Fragen zum doppelten Jubiläum an Ministerpräsident Hendrik Wüst und Stiftungspräsident Eckhard Uhlenberg

Das Doppeljubiläum 2026 hat Nordrhein-Westfalen Veranstaltungen, Begegnungen und besondere Momente beschert. Höhepunkt war der NRW-Tag am letzten Augustwochenende in Münster mit seinen elf Themenmeilen. Auch die NRW-Stiftung nutzte diesen großen Rahmen, um sich zu präsentieren – sie lud außerdem an verschiedenen Projektstandorten im Land zum Mitfeiern ein. Wie blicken der Ministerpräsident des Landes, Hendrik Wüst,und Stiftungspräsident Eckhard Uhlenberg auf das Jubiläumsjahr zurück?

Im August 1946 wurde NRW gegründet, komplettiert im darauffolgenden Januar durch den lippischen Landesteil. Seit 1986 gibt es die NRW-Stiftung. Grund genug also für eine dreifache Bilanz: Achtzig Jahre NRW, vierzig Jahre NRW-Stiftung – plus das Fazit zum Jubiläumsjahr selbst. Wie sieht das Resümee aus?

Hendrik Wüst: Nordrhein-Westfalen zeichnet sich seit seiner Gründung vor allem durch Zusammenhalt aus. Was 1946 mit dem Zusammenschluss unterschiedlicher Landesteile begonnen hat, ist in 80 Jahren zu einer gemeinsamen Erfolgsgeschichte geworden. Aus dem Bindestrich-Land ist ein echtes Bindeglied-Land geworden: zwischen Stadt und Land, Industrie und Natur, Tradition und Fortschritt und vor allem zwischen Menschen. Dazu leistet auch die NRW-Stiftung seit nun 40 Jahren einen wichtigen Beitrag. Sie bewahrt, was unser Land ausmacht, und stärkt mit ihren Projekten Heimat, Natur, Kultur und ehrenamtliches Engagement.

Eckhard Uhlenberg: Das Jubiläumsjahr war für die Stiftung eine großartige Gelegenheit, ihre Arbeit vorzustellen, beim NRW-Tag und an konkreten Projektschauplätzen wie etwa der Wuppertaler Utopiastadt. Gefeiert haben wir aber eigentlich nicht die Institution, sondern das Engagement der Menschen.

Sie meinen, weil es sonst ja wenig zu bilanzieren gäbe?

Eckhard Uhlenberg: Richtig – schon gar keine viertausend Förderprojekte, die alle dem Einsatz, der Tatkraft, der Spendenbereitschaft von Vereinen, Initiativen und Einzelpersonen zu verdanken sind. Längst findet man Partnerprojekte überall im Land, manchmal schweben geflügelte Projektboten sogar ganz von selbst herbei. Ich meine Meister Adebar, für dessen Rettung und Vermehrung in NRW die Stiftung von Beginn an eingetreten ist.

Johannes Rau sagte vor vierzig Jahren, man wolle die Eigen­initiative der Menschen für Natur, Kultur und Heimat herausfordern. Wie sehen Sie seine Feststellung: „Denn nicht alles kann, nicht alles soll der Staat alleine machen“?

Hendrik Wüst: Ein starkes Land braucht einen handlungsfähigen Staat, der seine Aufgaben erfüllt und verlässliche Rahmenbedingungen schafft. Politik kann und muss einen Unterschied machen, den die Menschen vor Ort in den Städten, Gemeinden und Dörfern spüren. Aber Johannes Rau hatte recht: Nicht alles kann und nicht alles soll der Staat alleine machen. Denn Zusammenhalt kann man nicht beschließen oder verordnen. Er lebt von Menschen, die Verantwortung übernehmen, sich für andere einsetzen und gemeinsam etwas auf die Beine stellen. Genau dieses Engagement wird von der NRW-Stiftung unterstützt. Dank ihrer Hilfe werden aus guten Ideen für Natur, Kultur und Heimat konkrete Projekte und aus persönlichem Engagement wird ein Gewinn für die Gemeinschaft. Eine lebendige und wehrhafte Demokratie braucht beides: einen starken, handlungsfähigen Staat und Menschen, die bereit sind mit anzupacken.

Eckhard Uhlenberg: Genau deshalb stellt die NRW-Stiftung nicht nur Gelder bereit – sie ist auch Ansprechpartnerin des Ehrenamtes, berät und vermittelt. Dabei sind im Laufe der Zeit viele Wege gegangen worden, etwa bei der Unterstützung für Menschen, die unselbstständige Stiftungen gründen wollen. Nicht wenige Partnerprojekte rund um das Thema „Dritte Orte“, also gesellschaftliche Treffpunkte, dienen unmittelbar der Demokratieförderung. Ohne Miteinander, Kompromiss und Kooperation wäre im Übrigen kein einziges lohnendes Vorhaben zu verwirklichen.
 

Schon kurz nach der Gründung Nordrhein-Westfalens begannen Diskussionen über das „Landesbewusstsein“. Als 1986 die NRW-Stiftung entstand, war oft vom „Wir-Gefühl“ die Rede. Wie sieht da die Bilanz im Jahr 2026 aus?

Eckhard Uhlenberg: Es gab da anfangs sicher auch Missverständnisse, so als sei mit „Landesbewusstsein“ eine Art Tünche gemeint, um gewachsene Konturen zu überpinseln. Nun, scherzhaft gesagt: Niemand wollte je Ruhr und Rur – mit und ohne h – in ein gemeinsames Bett zwingen. Im Ernst: Landesbewusstsein und Wir-Gefühl gewinnen nichts durch abstrakte Definitionen. Viel besser ist es, den Blick für die konkreten Details zu schärfen, sich die Geschichte des Landes, in dem wir leben, seine regionalen Besonderheiten, seine Leistungen bewusst zu machen. Das kann nur durch eine Vielfalt der Perspektiven gelingen, wie sie sich besser als in Tausenden Stiftungsprojekten kaum ausdrücken könnte.

Hendrik Wüst: Wenn wir 80 Jahre Nordrhein-Westfalen feiern, dann feiern wir vor allem die Menschen, die dieses Land in den vergangenen acht Jahrzehnten aufgebaut, geprägt und stark gemacht haben. Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten, Erfahrungen und Traditionen, die Nordrhein-Westfalen ihre Heimat nennen. Dazu gehören auch die vielen Menschen, die im Laufe der Jahrzehnte zu uns gekommen sind und hier mit angepackt haben – nicht zuletzt beim Wiederaufbau unseres Landes. Die damals sogenannten Gastarbeiter sind längst Nordrhein-Westfälinnen und Nordrhein-Westfalen geworden. Das ist für mich auch ein Teil unseres nordrhein-westfälischen Wir-Gefühls. Gerade in Zeiten, in denen politische Kräfte versuchen, einen Keil in unsere Gesellschaft zu treiben, ist dieser Zusammenhalt die große Stärke Nordrhein-Westfalens. Uns verbindet nicht, dass wir alle gleich sind oder die gleiche Geschichte haben. Uns verbindet, dass wir gemeinsam Verantwortung für dieses Land und füreinander übernehmen.
 


NRW hat – dank des britischen National Trusts als Vorbild – die einzige deutsche Landesstiftung, die die Themen Natur, Heimat und Kultur unter einem Dach vereinigt. Was charakterisiert dabei ihre praktische Arbeit?

Eckhard Uhlenberg: Sie ist keine Behörde, sondern privatrechtlich organisiert. Bei ihrer Gründung hieß es, sie solle unbürokratisch und sogar phantasievoll agieren. Wobei auch da gilt: Die Phantasie, die Energie, die Initiative erneuert sich seit vierzig Jahren immer wieder durch die Menschen und deren Ideen. Die Stiftung hat bewiesen, dass sie die Entfaltung dieses Potenzials wirkungsvoll fördert. Sie kann sich dabei auf ihren eigenen großartigen Förderverein und auf ihre unermüdlichen Regionalbotschafterinnen und -botschafter stützen. Dass es im Haus der Stiftungen nicht an Kreativität mangelt, zeigt zum Beispiel die gegenüber den Anfängen inzwischen überaus aufwendige und unterhaltsame Öffentlichkeitsarbeit – analog und digital.

Hendrik Wüst: Es sind vor allem die pragmatischen Lösungen, die nah bei den Menschen sind und langfristige Ziele im Blick haben, die die Arbeit der NRW-Stiftung auszeichnen. Ihre besondere Stärke liegt darin, Natur, Heimat und Kultur nicht getrennt voneinander zu betrachten, sondern zusammenzudenken. Damit bewahrt sie das vielfältige Natur- und Kulturerbe unseres Landes und macht es für die Menschen zugänglich und erlebbar. Das gelingt der NRW-Stiftung als starke Partnerin des Ehrenamtes. Sie unterstützt die Menschen, die vor Ort anpacken und sich für ihre Heimat engagieren – finanziell, aber auch mit Rat und Unterstützung. Es ist genau dieses Zusammenspiel aus bürgerschaftlichem Engagement und verlässlicher Unterstützung, das ihre praktische Arbeit ausmacht.

Interview: Ralf J. Günther

Ehrenmitgliedschaft für Christina Rau


Für die NRW-Stiftung hat Christina Rau als Ideengeberin der ersten Stunde große Bedeutung: Während ihrer Studienzeit in England erlebte sie das dortige ehrenamtliche Engagement für den National Trust und konnte so im Vorfeld der Stiftungsgründung 1986 einen wichtigen Orientierungspunkt einbringen. Ihr Mann Johannes Rau nutzte die Anregung, um als NRW-Ministerpräsident das Stiftungsprojekt durch Verweis auf das britische Vorbild zu konkretisieren und politisch voranzubringen. Unter den späteren Partnerprojekten der NRW-Stiftung begeisterte sich Christina Rau besonders für das „Künstlerdorf Schöppingen“, für das sie sich ab 1989 als Vorsitzende des Künstlerdorf-Fördervereins und von 1998 bis 2023 zudem als Kuratoriumsvorsitzende der Künstlerdorf-Stiftung engagierte.

Der Förderverein der NRW-Stiftung kann satzungsgemäß die Ehrenmitgliedschaft an Personen verleihen, die sich in besonderer Weise für die Stiftungsziele einsetzen. Einstimmig folgte die Mitgliederversammlung am 4. Juli 2026 dem Vorschlag von Stiftungspräsident und -vorstand, Christina Rau die Ehrenmitgliedschaft anzutragen. Sie nahm unter großem Beifall an und betonte dabei, dass das Motto „Gemeinsam für ein lebendiges Land“ die Stiftungsidee präzise zusammenfasse. „Ohne Ehrenamt“, erinnerte sie an Worte ihres verstorbenen Mannes, „würde die Gesellschaft zwar funktionieren, aber sie würde erfrieren.“ Und sie fügte hinzu: „Wie wichtig es ist, dass die Menschen sich begegnen und sich austauschen, das erleben wir im Moment noch viel dramatischer und deshalb hat die Nordrhein-Westfalen-Stiftung nach vierzig Jahren immer noch den wichtigen Auftrag, uns alle zusammenzubringen, Naturschutz zu fördern, Kultur zu bewahren. Und ich bin sehr dankbar und freue mich sehr, dass ich diese Ehrung heute bekommen habe.“