Zweihundert Jahre später im Rüschhaus

Droste-Welten Münster

Foto: Center for Literature/Hanna Neander

Festakt in einem Haus der NRW-Stiftung: Am 1. Juli 2026 wurde in Münster der erste Teil der „Droste-Welten“ eröffnet – die aktualisierte Dauerausstellung im Rüschhaus, dem barocken Landsitz, in den die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff vor zweihundert Jahren einzog. Wie es ihr gelang, sich schreibend aus der Anonymität zu lösen und in der Literaturgeschichte namhaft zu werden, ist das Hauptthema der neuen Präsentation. Zusätzliches Open-Air-Highlight: eine Gartenanlage, die die Möglichkeit bietet, den eigenen grünen Daumen zu erproben.


Die Zeit, in der sie lebte, empfand Annette von Droste-Hülshoff als „blasiert“, sprich: aufgeblasen. Sie wolle lieber „nach hundert Jahren gelesen werden“, statt flüchtigen Gegenwartsruhm zu erlangen, meinte sie 1843. Fünf Jahre zuvor hatte die damals schon Vierzigjährige mit ihrem ersten Buch, einem Gedichtband, herben Misserfolg gehabt – kaum mehr als siebzig Exemplare wurden davon verkauft. Erst danach fand sie mit Beiträgen zu Zeitschriften und anderen Publikationen mehr Beachtung, nicht zuletzt mit der Erzählung „Die Judenbuche“, die als Fortsetzungsreihe im „Morgenblatt für gebildete Leser“ erschien. So gelang es ihr, sich zumindest in literarischen Kreisen einen Namen zu machen, ohne allzu sehr auf den „Effect“ zu schielen.

Bestsellerruhm wie ihre Zeitgenossin Bettina von Arnim, die durch die Herausgabe eines ungeniert geschönten Briefwechsels mit Goethe prominent wurde, erreichte Annette von Droste-Hülshoff nicht. Auf die Langzeitwirkung ihrer Werke aber verließ sie sich zu Recht. Sie werden nach fast zweihundert Jahren immer noch gelesen und inzwischen aus so unterschiedlichen Perspektiven interpretiert, dass man gerne wüsste, was der Verfasserin davon verständlich, was eher vereinnahmend vorkäme. Wenigstens für ihre Rolle als Klassikerin der schulischen „Pflicht“-Lektüre hätte die anerkannte Spötterin vermutlich ein paar bissige Bemerkungen parat. Doch würde sie uns hoffentlich nicht zu den Blasierten zählen, wenn wir uns jetzt im Rüschhaus umschauen.
 


Amme und Autorin

Die neue Ausstellung im Rüschhaus nutzt digitale und analoge Vermittlungswege. An der Kasse erhält man eine Mappe, in der sich beim Rundgang Textblätter zu einem kleinen Reader vereinigen lassen – Material zum konzentrierten Nachlesen von Droste-Gedanken. Die einstmals nur per Führung zugänglichen Räume können selbstständig erkundet werden, wobei ein Audioguide für die notwendigen Informationen sorgt, auch in einer Kinderversion. Mehrfach stößt man auf Videosequenzen, die Dichtung in Gebärdensprache übersetzen, darunter den berühmten „Knaben im Moor“. Ebenfalls am Bildschirm lässt sich der Entstehungsprozess von Droste-Versen detailliert nachvollziehen.

Kennzeichnend für die neue Präsentation sind aber vor allem zahlreiche künstlerische Installationen. In der erwähnten Scheune beispielsweise wurden Zitate und Namen aus dem verwirrenden Netzwerk der Korrespondenzen von Philine Rinnert auf farbige Kunstglasplatten und große Stoffbahnen gebannt. Im Treppenhaus befasst sich ein Tableau von Katrin Mayer und Jenni Tischer mit dem engen Verhältnis zwischen der Dichterin und der Weberin Maria Catharina Plettendorf, ihrer einstigen Amme. Die lebte als wichtige Vertrauensperson mit im Rüschhaus, schlief bis zu ihrem Tod 1845 sogar in unmittelbarer Nähe des kleinen Arbeitszimmers, das die Schriftstellerin als ihr „Schneckenhäuschen“ bezeichnete.
 

Garten für alle

Zum barocken Rüschhaus des Architekten Johann Conrad Schlaun gehörte auch eine barocke Gartenfläche. Im Laufe der Zeit stark verwildert, wurde sie in den 1980er Jahren erstmals rekonstruiert, wobei Elemente des Nutzgartens hinzukamen, wie es ihn zur Droste-Zeit gab. Im Rahmen einer erneuten denkmalgerechten Sanierung ist nun auf der sogenannten Garteninsel zudem ein Ort für Nachhaltigkeit und Beteiligung entstanden – kürzer gesagt: eine Mitmachfläche, die an jedem zweiten Sonntag im Monat je nach Jahreszeit zum gemeinsamen Säen, Pflanzen oder Ernten einlädt. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.


Italienische Wände

Schneckenhäuschen – trotz des legendären Ausdrucks sowie mancher Phase von Kränklichkeit und Zurückgezogenheit lebte Annette von Droste-Hülshoff nicht in dauernder Abgeschiedenheit. Sie war vielmehr häufig in Deutschland unterwegs, lernte ein wenig die Niederlande kennen und verbrachte ein ganzes Jahr in der Schweiz. Vor neuen Verkehrsmitteln wie Raddampfern und Eisenbahnen scheute sie nicht zurück. Italien allerdings blieb ein nie erreichter Traum, obwohl es im Rüschhaus paradoxerweise völlig alltäglich war – gefertigt von einer französischen Firma in Form der seinerzeit modischen Panoramatapeten, die den Bewohnerinnen großformatige Italienfantasien in einen der Salons zauberten. Die Autorin teilte darüber hinaus die Vorliebe ihrer Zeit für nah- und fernöstliche Motive. So fertigte sie mit viel Geschick eine indische Landschaft aus Papier an, komponierte dank musikalischer Begabung ein „indisches Brautlied“ und verfasste „morgenländische Gedichte“. Ihr Plan, einige davon in ihr erstes Buch mitaufzunehmen, scheiterte indes an den Verlegern, die in ihr nur die westfälische Dichterin sehen wollten.


Unvollendete Ledwina

Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Annette von Droste-Hülshoff in Meersburg am Bodensee, wo sie 1846 endgültig in das schon drei Jahre zuvor gekaufte Fürstenhäuschen einzog. Es ist ebenso noch erhalten wie das Zimmer auf dem Meersburger Schloss, in dem sie 1848 mit 51 Jahren starb. Geboren wurde sie auf Burg Hülshoff in Havixbeck bei Münster, dem Zuhause ihrer ersten beiden Lebensjahrzehnte. Bereits in diese Zeit fielen literarische Versuche wie etwa der nie vollendete Roman „Ledwina“, dessen Originalmanuskript vor wenigen Jahren mithilfe der NRW-Stiftung für die Öffentlichkeit gesichert werden konnte. Gefördert wurden die schriftstellerischen Ambitionen der Adelstochter von ihrer Familie allerdings nicht – man hielt im Gegenteil ihren ersten, ohnehin nur unter abgekürztem Namen veröffentlichten Gedichtband für konfusen „Plunder“.

In Vorbereitung der neuen Droste-Welten, zu denen auch der Internetauftritt „Digitale Burg“ gehört, wurden die beiden Standorte Hülshoff und Rüschhaus bereits vor einigen Jahren durch einen sieben Kilometer langen, mehr als zwanzig Stationen umfassenden Lyrikweg verbunden. Burg Hülshoff wird erst 2027 wieder zugänglich sein. Momentan kann man dort den Park und die Kapelle besuchen. Zur feierlichen Wiedereröffnung des Rüschhauses kamen unter anderem LWL-Direktor Dr. Georg Lunemann, zugleich Kuratoriumsvorsitzender der Annette von Droste zu Hülshoff-Stiftung, sowie der Geschäftsführer der NRW-Stiftung, Stefan Ast, und die LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger. Die Schirmfrau der Droste-Welten, die international erfolgreiche Jugendbuchautorin Cornelia Funke, sandte eine Videobotschaft an den Ort, der „Drostes Werk zutiefst beeinflusst hat“.

Text: Ralf J. Günther