Die Archäologie und die Äbtissinnen

Archäologisches Fenster Herford

Foto: Stadt Herford

Das Damenstift Herford entstand um 790 als frühes Zentrum des Christentums in Westfalen – Jahrzehnte vor dem berühmten Weserkloster Corvey. Die Äbtissinnen waren ranghohe religiöse, politische und kulturelle Akteurinnen an der Spitze einer privilegierten Reichsabtei. Doch wurde auch schon debattiert, ob in dem 1802 aufgelösten Stift ein „westfälisches Monstrum“ sein Wesen getrieben habe. Oder sein Unwesen? Am Herforder Münster, der ehemaligen Stiftskirche, wurde jetzt ein archäologisches Fenster aufgestoßen, das Einblicke in tiefe Vergangenheiten ermöglicht.


Kennen Sie Pusinna? Die Eremitin aus dem Norden des heutigen Frankreichs war lange die Schutzpatronin des Reichsstifts Herford, das seit 860 ihre wundertätigen Gebeine besaß. Pusinna machte Blinde sehend, heilte Siechende und blies verheerende Feuer aus. Indem sie so von der Macht des wahren Gottes kündete, stärkte sie Herford als christliches Bollwerk gegen heidnische Traditionen unter den von Karl dem Großen unterworfenen Sachsen. Wobei das Stift sogar schon vor Karls Sieg entstanden war, gegründet von einem früh bekehrten sächsischen Adligen namens Waltger oder Wolderus.
 

Brandspuren

Leider griff Pusinna nicht ein, als das 823 zur Reichsabtei erhobene Stift hundert Jahre später zum Opfer der Ungarneinfälle wurde, die der damalige König – Heinrich I. – lange nicht einzu­dämmen vermochte. Die Katastrophe musste ihn und seine Frau Mathilde besonders erschüttern, da letztere als Mädchen im Herforder Stift erzogen worden war. Hier hatten sich beide auch zum ersten Mal gesehen. Brandspuren aus jenen Tagen, entdeckt bei archäologischen Grabungen, gehen aber nicht etwa auf Heinrichs in den Quellen erwähnte Liebesglut zurück – es sind die Spuren der Zerstörung durch die Ungarn.

Die erwähnten Grabungen starteten 1989. Sie sollten nur Tage dauern, am Ende waren es drei Jahre. Der Archäologe Matthias Wemhoff – zu Beginn der Kampagne noch studentischer Volontär bei der LWL-Mittelalterarchäologie – publizierte 1993 die Ergebnisse. Sie bieten ein detailliertes Bild von Herfords früher Ent­wicklung, als auf erste Pfostengebäude bald Steinbauten folgten, die nach dem Ungarneinfall neu errichtet werden mussten. Über Relikten dieses Wiederaufbaus erhebt sich im Norden des Stifts­geländes nun einer der beiden Schutzbauten des „archäologischen Fensters“ (zum Begriff siehe Kasten). Der andere steht direkt beim Münster, am Platz des ehemaligen Stifts-Schlafsaals.
 


Zwei Offenbauten

Die Häuser enthalten von der NRW-Stiftung geförderte Medien- und Infostationen. Es sind aber keine Museen mit Ticketschalter und Garderobe, sondern frei zugängliche, vom Außenklima nicht abgeschirmte Offenbauten, die durch Lage und Dimension den historischen Schauplatz umreißen, zu dem das Herforder Münster einst gehörte. Angedeutete Kolonnaden symbolisieren den Kreuzgang der Abtei. Im Untergeschoss des Nordbaus führt ein Steg über die Grabung, während im Obergeschoss animierte Figuren aus der Geschichte schemenhaft vorbeiziehen, von denen einzelne sich erzählend umwenden. Analog dazu wartet im Schlafsaalbau eine „sprechende Galerie“ der Äbtissinnen auf Neugierige.

Greifen wir eine Frau heraus, deren Wirken das Herforder Stadtbild bis heute prägt: Unter der Äbtissin Gertrud zur Lippe begann im frühen 13. Jahrhundert der Ausbau des stiftseigenen Gotteshauses zu einer der größten Hallenkirchen Westfalens. Vielleicht hat die Bauherrin über das Projekt sogar mit dem Mann gesprochen, den man einst das Staunen und den Verwandler der Welt nannte. Gemeint ist der Stauferkaiser Friedrich II. Leider ist dessen Anwesenheit auf einem Herforder Hoftag von 1218 nicht so sicher belegt wie die Visite Kaiser Karls IV. im Jahr 1377, als die Kirche längst stand. Allerdings: Den erst 1490 vollendeten hohen Westturm, der in seiner Dachkugel Teile der Pusinna-Reliquien birgt, sah auch Karl IV. nicht.
 


Beinahe-Bischöfinnen

Zu Gertruds Zeiten hatte eine Entwicklung bereits eingesetzt, die langfristig dazu führte, dass die Äbtissinnen einiger großer Damenstifte – so auch der Abtei Essen – zu souveränen Landes­herrinnen wurden. Anders gesagt: Das vom Herforder Stift beherrschte Gebiet, so winzig es war, bildete ein selbständiges Territorium, regiert von einer Reichsfürstin. Zu dieser „Reichs­unmittelbarkeit“ kam als weitere Besonderheit die „Papst­unmittelbarkeit“ hinzu, mit der uns nun das eingangs erwähnte Monstrum näher rückt.

Des Rätsels Lösung: In Ausübung der kirchlichen Rechtsprechung (nicht in der Weihegewalt) agierten die Herforder Äbtissinnen wie Bischöfe, unterstellt nur dem Papst. Solche „Beinahe-Bischöfinnen“ waren in der römischen Kirche sehr selten. So selten, dass die Vorsteherin der süditalienischen Abtei Conversano sogar als „monstrum Apuliae“ bezeichnet wurde, was sich wahlweise als „Ungeheuerlichkeit“ oder als „Wunder Apuliens“ übersetzen lässt. Für Herford wurde die analoge Formel „monstrum Westphaliae“ allerdings erst von der Geschichtswissenschaft geprägt – und zwar im Grunde nur, um dagegen zu argumentieren: Denn was rar ist, ist deswegen nicht irregulär und schon gar nicht monströs. Das hatten im Mittelalter bereits die Bischöfe von Paderborn einsehen müssen. Gern hätten sie die quasi-bischöfliche Stellung der Herforder Äbtissinnen untergraben. Es gelang ihnen aber nie.
 

Schutzbauten als Fenster

Archäologische Fenster sollen Bodendenkmäler sichern – und sichtbar machen. Der Begriff ist noch nicht überall etabliert, wo von einem Schutzbau die Rede ist, kann die Sache aber die gleiche sein. Ein Beispiel bietet das von der NRW-Stiftung 2007 geförderte, rundum verglaste, jedoch öffentlich nicht betretbare Schutzgehäuse für die Relikte der mittelalterlichen Kreuzkirche auf dem Wittekindsberg an der Porta Westfalica. 

Auch das Herforder Fenster sorgt für Durchblick und rechtfertigt so seinen Namen. Sein Konzept zielt aber auf größere Fragen: Wie lassen sich Schauplätze der Geschichte, die bei Ausgrabungen ans Licht kommen, in Stadträume integrieren? Wie können sie Menschen begeistern, statt nach der archäologischen Untersuchung unter Neubauten unsichtbar zu werden? Die Herforder Offenhäuser bieten eine Ideallösung. Dass auch Kompromisse funktionieren, beweist in NRW schon seit den 1950er Jahren der moderne Kölner Rathaustrakt, unter dem die Überreste des römischen Praetoriums zu sehen sind.

Philosophie in Herford

Im 16. Jahrhundert wandte sich die Abtei Herford der Reformation zu. Reliquien und Heiligenkult galten nun als katholische „Abgötterei“ – Pusinna hatte als Schutzpatronin ausgedient. Ihre Knochensplitter im Kirchturm blieben aber erhalten, ebenso Reliquienteile, die die 1667 ins Amt gekommene Äbtissin Elisabeth von der Pfalz an das Bistum Paderborn verschenkte und die später nach Herford zurückkamen. Sie befinden sich heute in der Kirche St. Johannes Baptist. 

Die angesprochene Elisabeth von der Pfalz zählt zu den prominentesten der Herforder Äbtissinnen. Als Teil der gelehrten Welt korrespondierte sie schon in jungen Jahren mit dem Philosophen René Descartes, an ihrem Sterbebett stand Gottfried Wilhelm Leibniz. 

Besonders enge Kontakte hatte sie zu der 1607 in Köln geborenen, lange in Utrecht lebenden Anna Maria von Schürmann, einem Universalgenie, das rund ein Dutzend Sprachen beherrschte – darunter Persisch und Altäthiopisch. Der „Stern Utrechts“ schloss sich im Alter einer reformierten Glaubensgruppe unter dem Franzosen Jean de Labadie an, den „Labadisten“, denen Elisabeth 1670/71 Zuflucht in Herford gewährte.

Bleibt die Frage, was „Klöster“ von „Stiften“ unterscheidet, wenn beide „Abteien“ sind. Eine genauere Abgrenzung wurde erst Jahrzehnte nach der Gründung Herfords auf einer Aachener Synode von 816 vorgenommen. Die Hauptpunkte: Anders als Nonnen mussten Stiftsdamen weder Gelübde ablegen noch dauernd am Ort anwesend sein, sie durften den Konvent zwecks Heirat sogar ganz wieder verlassen. Ohne Zweifel war die Abtei Herford schon lange vor der Reformation ein Damenstift. Eine strenge „Klosterphase“ im früheren Mittelalter gilt heute als unwahrscheinlich.

Text: Ralf J. Günther

Blickpunkt

Die NRW-Stiftung unterstützte den 2004 gegründeten „Verein für Herforder Geschichte e. V.“ bei der didaktischen Vermittlung des Projekts „Archäologisches Fenster“. Ermöglicht wurde das Vorhaben, das in jahrzehntelangen Bemühungen um eine zeitgemäße Präsentation von Ausgrabungen auf dem Herforder Stiftsgelände wurzelt, durch die Stiftung des 2002 verstorbenen Unternehmers Dieter Ernstmeier. Im Rahmen der Förderung national bedeutsamer Kulturdenkmale beschloss auch der Bundestag eine Förderung. Die Stadt Herford, das Land NRW, die Kirchengemeinde Herford-Mitte sowie die Sparkasse Herford sind weitere Koopera­tionspartner. 
www.archaeologisches-fenster.de (mit App).