Bibliothek im Brutalismus

Das Fritz Bauer Forum in Bochum

Foto: Fritz Bauer Forum/Richard Lensit

Ein Vorhaben – viele Perspektiven. Die Erfolgsformel zahlreicher Förderprojekte der NRW-Stiftung gilt auch für das neue Fritz Bauer Forum in Bochum. Baukunst und Biografien gehören zu seinen Eckpfeilern, doch um es ganz zu verstehen, muss man zudem die Begriffe Buxus und Brutalismus sowie die Lebensleistung des Juristen Fritz Bauer kennen. Mit dem nach ihm benannten Forum unterstützt die NRW-Stiftung ein international vernetztes Menschenrechts- und Demokratieprojekt. Zugleich wurde der Leerstand eines ungewöhnlichen Baudenkmals beendet. 

Bochum – mitgeprägt vom Brutalismus? In der Tat, doch soll Herbert Grönemeyers „Blume im Revier“ damit nicht geschmäht werden. Es geht vielmehr um den Brutalismus als Architekturstil, geprägt vom unverputzten, offen zutage liegenden Sichtbeton, der französisch „béton brut“ heißt. Besonders in den 1960er und 1970er Jahren entstanden zahlreiche, oft sehr große Gebäude aus unverhülltem Beton. Viele zeigten an ihren Oberflächen bewusst die Spuren der Bretterschalungen, unter denen das Material ausgehärtet war. Manche – wie der Mariendom im bergischen Wallfahrtsort Neviges (siehe Kasten) – wirken wie überdimensionale Skulpturen.
 

Trauerhalle Ost

Zu den Bauten des Brutalismus in NRW zählen außer dem Nevigeser Dom zum Beispiel das Bensberger Rathaus oder die Düsseldorfer Kunsthalle. In Bochum gehören der Campus der Ruhr-Universität und das Ruhrstadion mit seinen 38 riesigen Betonbindern dazu – darüber hinaus die ehemalige Trauerhalle Ost des Bochumer Hauptfriedhofs. Sie ist kein Gigant, trägt aber über einem verglasten Erdgeschoss eine mächtige Sichtbetonkrone und wird deshalb von der Landesinitiative StadtBauKulturNRW zu den „Big Beautiful Buildings“ gerechnet, die im Ruhrgebiet während der 1950er bis 1970er Jahre entstanden.

Erdacht wurde die Halle bereits 1968/69 von Ferdinand Keilmann, seinerzeit verbeamteter „Stadtbaumeister“ im Bochumer Stadt­planungsamt. Tatsächlich gebaut hat man sie 1973/74, woraufhin sie fast fünfzig Jahre ihrem ursprünglichen Zweck diente. Zuletzt führte eine gewandelte Bestattungskultur mit immer mehr Urnengräbern allerdings zu immer geringeren Belegungen des östlichen Friedhofsteils. Die Folge: Das seit 2015 denkmalgeschützte, jedoch dringend sanierungsbedürftige Bauwerk wurde nicht mehr genutzt. Die schon 2013 gegründete „Buxus Stiftung“ hat ihm nun eine neue Zukunft als Bibliothek des Fritz Bauer Forums gegeben.
 


Im Zeichen des Buchsbaums

Die Stiftung leitet ihren Namen vom Buchsbaum (lat. buxus) ab – Symbol für Widerstandskraft unter schwierigen Lebens­bedingungen. Zum Vorbild hat sie sich den früheren hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903–1968) gewählt, der in mehrfacher Weise Justizgeschichte schrieb. Er hatte Anteil an der Festnahme des NS-Verbrechers Adolf Eichmann 1960 in Argentinien und wirkte entscheidend auf das Zustandekommen der 1963 begonnenen Frankfurter Auschwitz-Prozesse hin. Bereits 1952 ging er gegen die Verleumdung von Widerstandskämpfern des 20. Juli 1944 als „Landesverräter“ vor, da ein Unrechtsstaat wie das „Dritte Reich“ prinzipiell nicht hochverratsfähig sei.
 


Initiatorin der Buxus Stiftung – dabei unterstützt vom Mäzen Jens Mittelsten Scheid, Träger des Deutschen Stifterpreises 2010 – ist die habilitierte Historikerin Dr. Irmtrud Wojak, ehemalige Stipendiatin an der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und am US Holocaust Memorial Museum in Washington. Selbst Verfasserin einer Biografie über Fritz Bauer, war sie unter anderem am Fritz Bauer Institut in Frankfurt tätig. Für Buxus konzipierte sie ein Medienzentrum mit den „mutigsten Geschichten der Welt“ – gespiegelt in Biografien von Menschen, die für die Rechte anderer kämpfen. Das Projekt ging 2019 als „Interaktive Fritz Bauer Bibliothek“ online, es sah aber auch eine Präsenzbibliothek vor, um im Rahmen eines Forums für Menschenrechte Themen wie NS-Unrecht, Erinnerungskultur, soziale Bewegungen, Gegenwehr und Überleben zu vermitteln.
 


Friedhof mit Geschichte

Nachdem die Stadt Bochum die Trauerhalle samt Betriebshof der Buxus Stiftung als Erbbau übertragen hatte, folgten jahrelange Sanierungsarbeiten. Der Förderbescheid der NRW-Stiftung wurde Ende 2022 übergeben. Die Eröffnung des Fritz Bauer Forums fand im Mai 2025 statt. Außer der Bibliothekshalle, die sich auch für Vorträge und Veranstaltungen eignet, umfasst es das Gebäude, in dem sich früher die Totenkammern befanden. Es ist jetzt Sitz der Buxus Stiftung samt Verlag und Medienabteilung sowie des „Café Historias“. Auf dem Außengelände, das unmittelbar an den 2011 eingerichteten neuen Friedhof der Bochumer jüdischen Gemeinde angrenzt, entsteht ein „Garten der Vielfalt“. Buxus kooperiert international, aber ebenso mit lokalen Bildungsträgern wie der Bochumer Volkshochschule oder dem Gymnasium Eickel.

Wer Bochum kennt, der weiß: Der Haupteingang auf der Westseite des Zentralfriedhofs ist durch ein Ensemble aus Trauerhallen und anderen Bauten geprägt, die noch aus dem Dritten Reich stammen. Nach Worten des Architekturhistorikers Hans H. Hanke sind diese bis heute genutzten Gebäude mahnende Denkmäler, deren ideologische Botschaft im demokratischen und christlichen Umgang mit ihnen entkräftet wurde. Man kann ergänzen: Die in der 68er-Zeit entworfene Trauerhalle setzte auf der Ostseite des Friedhofs einen klaren architektonischen Kontrapunkt. Doch darf man nicht verschweigen, dass auch der Berufsweg Ferdinand Keilmanns bereits im Dritten Reich begann. Seine NSDAP-Mitgliedschaft ist ebenso belegt wie sein zeitweiliges Mitwirken an Bahnhofsplanungen für Hitlers Welthauptstadt „Germania“.
 

Ein Dom aus Beton

Spektakulär thront die zweitgrößte Kirche des Erzbistums Köln über dem Ort Neviges im Bergischen Land. Die Wallfahrt zum Nevigeser Marienbild, die schon im 17. Jahrhundert begann, führt auch heute noch viele Menschen in den kleinen Ort mit dem riesigen Gotteshaus aus Beton. Entstanden in den 1960er Jahren nach Entwürfen des Architekten Gottfried Böhm (1920–2021) offenbart es Potenziale und heikle Punkte des Brutalismus. Das rasch undicht gewordene „Faltdach“ erforderte mehrfache Sanierungen, unter anderem mittels Kunststoffbeschichtung. Zu den NRW-Bauwerken Gottfried Böhms und seines Sohns Paul Böhm gehört auch die Kölner Zentralmoschee.

SOS Betonmonster

In Keilmanns Lebenslauf finden sich Parallelen etwa zu Helmut Hentrich, einem der Väter des berühmten Düsseldorfer Dreischeibenhauses, der 1938 in den Arbeitsstab des NS-Architekten Albert Speer kam. Irmtrud Wojak sieht Keilmann als „ambivalente Figur“ – die offenkundige künstlerische Ambition seines letzten Entwurfs als Bochumer Stadtbaumeister ist gleichwohl unverkennbar. Die Betonkrone der Trauerhalle setzte er gegen Bedenken der Behörde durch, wobei er einkalkulierte, dass sich die verwitternde Fassade bald mit Moosbewuchs überziehen würde. Das trat so nicht ein, klingt aber wie eine vorweggenommene Stellungnahme zur oft geäußerten Kritik, Sichtbeton altere wegen seiner Anfälligkeit für Schmutz, Schlieren oder gar Rissbildungen höchst unattraktiv.

Tatsächlich: Mancher verwahrloste Sichtbeton wurde irgendwann mit einem Schutzanstrich versehen, mancher als allzu grob empfundene „Klotz“ sogar zum Opfer der Abrissbirne. Umso dringlicher wirbt die 2017 gestartete Initiative „SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster“, dafür, prägende Bauwerke aus „béton brut“ vor dem Verfall zu bewahren. Letztlich geht es immer um die Bewertung von Einzelfällen. Die Bibliothek des Fritz Bauer Forums kann als Paradebeispiel für eine erfolgreich sanierte und mit neuen Ideen erfüllte brutalistische Bauskulptur dienen.

Text: Ralf J. Günther

Blickpunkt

Die NRW-Stiftung half der „Buxus Stiftung gGmbH“ bei Einrichtung und Ausstattung des „Fritz Bauer Forums“. Gefördert wurde so ein internationaler Ort für Forschung, Bildung, Kunst und Begegnung. Das Projekt zu Erinnerungskultur, Demokratiebildung und Menschenrechten lenkt den Blick überdies auf die Architektur des Brutalismus in NRW.
www.fritz-bauer-forum.de