Wenn der Stall zur Kinderstube wird

Lammzeit in der Senne

Foto: Judith Büthe

Nur einmal im Jahr müssen die Schafe der Heidschnuckenherde der Biologischen Station Kreis Paderborn-Senne in den Stall – zur Lammzeit. Für einige Wochen herrscht für Schäfer und Schäferin Hochbetrieb, denn jeden Tag erblicken Dutzende Lämmer das Licht der Welt. 


Wenn der Frühling in der Senne im März vorsichtig seine Fühler ausstreckt und sich auf dem NATO-Truppenübungsplatz zaghaft die ersten Blüten hervorwagen, beginnt für Mike Lindley und seine Kollegin Kathi Popielas die Hochsaison. Denn dann bricht in der Senne die Lammzeit an. Es ist das einzige Mal im Jahr, dass die beiden Schäfer der Biologischen Station Kreis Paderborn-Senne alle 450 Schafe ihrer Heidschnuckenherde aus der Heide des militärischen Sperrgebiets zurück in die Schäferei führen und im Stall und dem angrenzenden Gatter unterbringen. Innerhalb weniger Wochen werden Hunderte Lämmer geboren, die Herde wächst in kurzer Zeit auf das Doppelte, und die Luft ist in dieser Zeit erfüllt von einem unablässigen Blöken und Mähen der Schafe. Für die beiden Schäfer ist die Lammzeit die intensivste, arbeitsreichste, aber auch erfüllendste Zeit des Jahres.

 


Als Ausnahmezustand möchte Schäfer Lindley die Wochen der Lämmergeburt nur zögerlich bezeichnen. Dazu hat er mit den Jahren zu viel Erfahrung gesammelt und Routine entwickelt. „Die anstrengendste Zeit des Jahres ist sie aber definitiv“, sagt der Deutsch-Brite, der seit drei Jahren den Hirtenstab auf dem Truppenübungsplatz und in dessen Umgebung innehat. Ein großer Teil der Arbeit während der Lammzeit besteht darin, allzeit präsent zu sein und das Geschehen aufmerksam im Blick zu halten, um den Tieren im entscheidenden Moment mit den richtigen Handgriffen zur Hilfe kommen zu können. 

Längst nicht bei jeder Schafsgeburt müssen Schäfer oder Schäferinnen eingreifen. „In der Regel machen die Tiere das sehr gut allein und kümmern sich auch gut um den Nachwuchs“, sagt Lindley. Das Kunststück besteht für ihn darin, die richtige Mischung aus Zurückhaltung und Zupacken zu finden. „Auf 100 Geburten hilfst du vielleicht zwei oder drei Tieren richtig aktiv.“ Wenn allerdings Komplikationen auftreten, etwa weil ein Lamm schlecht im Geburtskanal liegt oder zu groß ist, als dass seine Mutter es aus eigener Kraft herauspressen kann, ist rasches Handeln erforderlich. „Manchmal retten wir so auch Leben“, sagt der Mittvierziger. In der Stallanlage der Senne-Schäferei erblicken in der Lammzeit im Schnitt 30 bis 40 Lämmer pro Tag das Licht der Welt. An geregelte Arbeitszeiten ist in dieser Zeit für die Schäfer nicht zu denken. „Feierabend gibt es in der Lammzeit noch weniger als in der Hütezeit“, sagt Lindley. Denn auch mit der Geburt ist die Arbeit der Betreuer noch lange nicht beendet. 
 


Sensible Schnupper-Phase

Die Muttertiere werden nach der Niederkunft mit ihren frisch geborenen Lämmern für ein, zwei, manchmal drei Tage in die sogenannten Ablammboxen gebracht – kleine Einzelbuchten, in denen Mutter und Nachwuchs getrennt von den anderen Tieren der Herde leben. Es ist eine sensible Phase, in der sich Mutter und Kind an der Stimme und am Geruch kennenlernen. Dauer, Tonhöhe, Rhythmus – jede Mutter, jedes Lamm hat eine individuelle Sprachsignatur, an der sich die Tiere auch in der großen Herde erkennen und finden.

Dreißig solcher Kennenlernboxen stehen in der Schäferei zur Verfügung. Kommen zu viele Lämmer auf einmal nach, kann es auch sein, dass Mutter und Lamm nach nur zwei Tagen aus der Einzelbox in die Sammelbuchten umziehen, wo die kleinen Lämmer erstmals auf ihre Artgenossen treffen. 

Wenn die Geburten im Stall reibungslos laufen, stellt das auch den Schäfern ein gutes Zeugnis für die Arbeit der vorangegangenen Monate aus. „Wenn man die Tiere durch Bewegung und nahrhafte Weidegründe gesund hält, ist das die beste Vorbereitung für eine Geburt ohne Komplikationen“, sagt Lindley.
 


Nach dem Stall beginnt ein Job im Naturschutz

Die während des restlichen Jahres stets um die Schafe herum­wuselnden Hütehunde spielen in der Lammzeit eine Nebenrolle. „Für sie herrscht in der Zeit quasi Urlaub“, sagt Lindley. Gelegentlich werden sie gebraucht, um die Muttertiere morgens einmal hinaus- und später wieder hereinzutreiben, ansonsten ist Ruhe und der Schäfer muss manchmal sogar ein wenig Zeit einplanen, um mit den Hunden spazieren zu gehen. 

Sind alle Lämmer geboren und haben sich ein paar Tage an das Leben in der Herde gewöhnt, tauschen sie für den Rest des Jahres wieder den Stall gegen die offene Heide ein. Denn die Senneschäferei ist eine Naturschutzschäferei, und Lindley und Popielas hüten auf dem Panzer- und Artillerieschießplatz nicht nur Hunderte Schafe, sondern auch den vielleicht größten Natur-schatz Nordrhein-Westfalens.
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Was auf den ersten Blick paradox wirken mag, lässt sich einfach erklären. Denn die seit mehr als 100 Jahren bestehende militärische Nutzung hat das Areal vor Entwicklungen bewahrt, die in der übrigen Agrarlandschaft für einen großen Verlust der Artenvielfalt gesorgt haben: Hier sind noch nie Pestizide gespritzt worden, noch nie wurden Kunstdünger ausgebracht. Wiesen wurden nicht im großen Maßstab zu Äckern umgebrochen und Tümpel nicht trockengelegt. „Wir haben auf Teilen des Gebietes heute noch eine traditionelle Kulturlandschaft, wie wir sie anderorts zuletzt im ausgehenden Mittelalter hatten“, sagt Peter Rüther, der Leiter der Biologischen Station Kreis Paderborn-Senne e. V. 

Entsprechend groß ist die biologische Vielfalt. Mehr als 800 Blütenpflanzenarten, rund 1.000 nachgewiesene Schmetterlingsarten und über 100 Brutvogelarten machen den Übungsplatz zu einem Naturraum, der in Nordrhein-Westfalen seinesgleichen sucht.
 


Um diesen ökologischen Schatz zu hüten, muss er gepflegt werden. Und hier kommen die Heidschnucken ins Spiel. Die Rasse ist wie geschaffen für die karge Heide: anspruchslos und doch immer auf der Suche nach etwas Fressbarem. Begleitet werden die Schafe von zwei Dutzend Ziegen – wendige Gehölzknabberer, die sich auf die Hinterbeine stellen, um auch die oberen Triebe zu erreichen. Sie sind dafür zuständig, das Wachstum neuer Bäume im Zaum zu halten. Diese Arbeitsteilung ist entscheidend für die Bewahrung einer Heidelandschaft: Schafe nehmen Gräser, Kräuter und Heidekraut auf, verjüngen es durch diesen „Rückschnitt“; Ziegen bremsen die Verbuschung.

Dank ihrer Genügsamkeit finden die Tiere das ganze Jahr über Nahrung. Nur wenn sie im zeitigen Frühjahr zur Lammzeit wieder in ihren Stall wandern, müssen die Schafe auf der Senne für ein paar Wochen nicht selbst für sich sorgen. Dann stehen Heu und Kraftfutter auf dem Speiseplan für Mutter und Lamm.

Text: Thomas Krumenacker

Blickpunkt

Die NRW-Stiftung fördert seit langem die Heidschnuckenschäferei Senne (Biologische Station Kreis Paderborn-Senne, Sitz Hövelhof). Sie stellt Stall und Heulager für mehr als 500 Mutterschafe und ihre Lämmer bereit und unterstützt so die extensive Weidewirtschaft – eine Schlüsselmaßnahme zum Erhalt der ökologisch wertvollen Heidelandschaften rund um den Truppenübungsplatz Senne. 
www.bs-paderborn-senne.de