Im Kreis Warendorf hat sich eines der größten Vorkommen der Rohrweihe im Land erhalten. Viele Paare haben ihre ursprünglichen Brutorte im Schilf allerdings gegen Nester in Getreidefeldern getauscht. Wenn im Sommer die Dreschmaschinen anrücken, ist der Nachwuchs besonders gefährdet. Ein Schutzprojekt hilft mit moderner Technik und erforscht dabei auch das Leben der Greifvögel.
Mehrmals am Tag macht sich Heinz-Josef auf, um Futter zu besorgen. Locker 20 Kilometer legt er dafür jedes Mal zurück. Stefan dagegen reichen wenige hundert Meter, um genügend Mäuse für den hungrigen Nachwuchs heranzuschaffen. Heinz-Josef und Stefan sind Rohrweihen. Und so unterschiedlich wie die Gewohnheiten der beiden knapp bussardgroßen Greifvögel sind auch die Herausforderungen, denen sich ihre Beschützerinnen und Beschützer gegenübersehen.
Die vielleicht größte liegt in einer einschneidenden Verhaltensänderung der Vögel: Rohrweihen haben sich innerhalb weniger Jahrzehnte an die veränderte Nutzung der Landschaft durch den Menschen angepasst. Wo feuchte Wiesen, wilde Brachen und schilfbewachsene Tümpel in der Landschaft intensivem Getreideanbau weichen mussten, mussten sich auch die Vögel anpassen und neue Orte finden, an denen sie ihr Bodennest bauen können. In vielen Ländern Europas brüten die Vögel heute regelmäßig in Getreidefeldern – in manchen Regionen sogar fast ausschließlich.


Auch im Kreis Warendorf, einer Hochburg der Rohrweihe in NRW, hält dieser Trend an. „Inzwischen brütet fast die Hälfte der rund 100 Paare in Getreidefeldern“, sagt Aline Förster. Sie leitet bei der NABU-Naturschutzstation Münsterland das Projekt „KLARO – Kulturlandschaft für die Rohrweihe im Kreis Warendorf“. Als Teil des Nationalen Artenhilfsprogramms versuchen NABU-Station und Untere Naturschutzbehörde als Projekt-Kooperationspartner in Abstimmung mit Landwirtinnen und Landwirten sowie Jägerschaft den Greifvögeln das Überleben in der Agrarlandschaft zu sichern.
Um die Gefahr für die Vögel bei der Ernte von vornherein zu vermeiden, versuchen die Naturschützenden das Angebot an naturnahen Nistgelegenheiten zu verbessern. Natürlicherweise bauen Rohrweihen ihr Nest im Schilf von Seen, Teichen oder Feuchtgebieten. Auch Hochstaudenfluren in Brachen oder feuchte Senken werden als Standort für das Bodennest ausgewählt. „Oft reicht es schon, einen zugewachsenen Tümpel freizuräumen oder Wasser in eine trockengefallene Senke zurückzubringen“, sagt Projektleiterin Förster. „Es müssen nicht gleich hektarweise Schilfflächen sein.“

Doch auch wenn die bei der Jagd im Gaukelflug niedrig über Felder und Wiesen streifenden Greifvögel nicht besonders wählerisch sind: Röhrichte, Kleingewässer und Brachen sind in der intensiv genutzten Landschaft des Münsterlands nicht gerade üppig vorhanden. Deshalb gilt es, den Vögeln zu helfen, ihre Jungen auch in den Getreidefeldern großziehen zu können. Und so beginnt in jedem Frühjahr eine aufwendige Suche.

Rekord im Weihenschutz: Drohnen retten Brutplätze
Die Saison beginnt im April, wenn die Weihen aus ihren afrikanischen Winterquartieren zurück sind. Mitarbeitende der Naturschutzstation und ehrenamtliche Unterstützerinnen und Unterstützer suchen dann den Himmel über den Feldern nach Rohrweihen ab: Fliegen sie einen Bereich häufiger an oder übergeben sogar eine Maus als Brautgeschenk, deutet das auf ein Nest hin. Mit einer Wärmebilddrohne wird dann der vermutete Standort gezielt überflogen, ohne die Vögel länger zu stören oder das Getreide großflächig betreten zu müssen. Ist ein Nest gefunden, suchen die Naturschützenden das Gespräch mit den Bewirtschaftenden. Rund um den Brutplatz bleibt dann bei der Ernte eine Schutzzone stehen. Die Größe schwankt je nach den Gegebenheiten. Eine Fläche von 50 mal 50 Metern hat sich bewährt. Für den Ertragsausfall erhalten die Betriebe Geld aus dem Projekt. 34 Schutzzonen wurden in diesem Jahr eingerichtet – so viele wie noch nie.
Auch die begleitende Erforschung der Lebensgewohnheiten der Weihen ist Teil des Projekts. „Wer die Rohrweihe schützen will, muss verstehen, wie sie die Landschaft nutzt“, sagt Förster. Dazu wurden im Sommer drei Rohrweihen-Männchen Sender umgeschnallt. Sie zeichnen ihre Wege auf und liefern Daten, anhand derer sich neue Ansätze für Hilfsmaßnahmen ableiten lassen. 30 Rohrweihen sollen bis Projektende 2030 auf Sendung sein. Bis dahin senden zunächst Heinz-Josef, Stefan und Hermann – sie tragen die Namen der Landwirte, auf deren Flächen sie brüten – im Minutentakt Daten. Nach und nach entsteht so ein besseres Verständnis dafür, was Rohrweihen brauchen, damit ihre Jungen auch in Zukunft zwischen Schilf und Getreide groß werden können.
Text: Thomas Krumenacker
Blickpunkt
Neben der intensiven Landwirtschaft macht auch der Ausbau der Windenergie den Rohrweihen zu schaffen. Deshalb gehören sie zu den Arten, die durch das Nationale Artenhilfsprogramm gestützt werden sollen. Das Bundesumweltministerium hat es auf den Weg gebracht, um die Verluste windkraftsensibler Arten durch den Ausbauder Erneuerbaren Energien abzufedern. „KLARO“ ist Teil des Programms und wird bis 2030 mit rund 2,7 Millionen Euro unterstützt. Die NRW-Stiftung steuert davon 70.000 Euro bei.




















