Ein Pfad, ein Fuchs, Dunst und Wolken – es klingt wie ein Naturidyll. Doch die Kokerei Zollverein ist eine besondere Welt, in der die Worte nicht immer das bedeuten, was sie im Alltag meinen. Falls es sie im Alltag überhaupt gibt. Denn wer weiß schon, was sich hinter einem „Kokskuchenführungswagen“ verbirgt? Die Antwort bietet ein Erlebnisrundgang, der die Funktionsweise der gigantischen Kokerei mit 3D-Animationen, Großbildprojektionen und Soundeffekten veranschaulicht.
Eine große, knallrote „25“ machte beim NRW-Tag 2026 in Münster auf ein besonderes Jubiläum aufmerksam. Der Grund: Während das Land und die NRW-Stiftung jeweils ihre runden Geburtstage begingen, konnte das Essener Zollverein-Areal seinen vor genau einem Vierteljahrhundert erlangten Welterbe-Status feiern. Sogar der „Doppelbock“ kam daher mit nach Münster: Das berühmte Fördergerüst der Zeche Zollverein machte in einer aufblasbaren, hüpfburgartigen Version vor allem Kindern Spaß. Längst gehört das Original, das die Zechenanlage seit 1930 krönt, zu den architektonischen Wahrzeichen Nordrhein-Westfalens. Doch der Welterbe-Komplex Zollverein umfasst nicht nur die beeindruckende Zeche, sondern auch die nicht weniger imposante Kokerei, in der die von der Zeche geförderte Kohle zu Koks verarbeitet wurde.

Kokskuchenbäckerei
Nur Steinkohle, die bei über tausend Grad von ihren flüchtigen Bestandteilen befreit wird, ist als Hochofenkoks für die Stahlerzeugung geeignet. Eine Kokerei besteht daher aus aufgereihten Ofenbatterien, in die ein „Befüllungswagen“ die Kohle von oben hineinschickt. In den Öfen verwandelt sie sich bei Luftabschluss binnen 24 Stunden in glühenden „Kokskuchen“. Der muss anschließend mit erheblichem Aufwand aus den Öfen gedrückt werden, um über eine Hilfskonstruktion namens „Kokskuchenvorführwagen“ in die bereitstehenden Löschwagen zu gelangen. Sie heißen so, weil es nun zu den Löschtürmen weitergeht, wo das Glühen mit viel Wasser gestoppt wird. Es ist der Moment, in dem die für Kokereien typischen Löschschwaden in den Himmel steigen – und der Grund, weshalb man die an den Türmen Beschäftigten auch Wolkenmacher nennt.
Damit wäre die schwarze Seite einer Kokerei grob beschrieben. Als weiße Seite bezeichnen Fachleute die Betriebsteile, die unter anderem Ammoniak, Benzol und Teer aus den bei der Verkokung freigesetzten Gasen gewinnen. Insgesamt waren die Kapazitäten der von 1957 bis 1961 erbauten und 1974 erweiterten Kokerei Zollverein beeindruckend: Ihre 304 Öfen konnten bis zur Stilllegung 1993 achttausend Tonnen Koks pro Tag produzieren. Da es allerdings schwierig ist, die Betriebsabläufe mit ihren teilweise unsichtbaren Prozessen für Laien detailliert zu veranschaulichen, wurde für die Kokerei Zollverein ein Konzept aufgegriffen, wie es sich für die gleichnamige Zeche bereits bewährt hat – ein Denkmalpfad mit virtuellen und multimedialen Großprojektionen.
Erlebnis im Kubus
Zehn Stationen umfasst der Rundgang, der teils unmittelbar zu den Originalschauplätzen, teils in zusätzlich aufgestellte Demonstrations-Kuben führt. 2020 eröffnete am Löschturm Ost der erste davon. Man lernt hier die Feuerlanze zum Anzünden der Öfen und ein sieben Meter langes Modell der schwarzen Seite kennen (das paradoxerweise weiß ist). Dessen hervorziehbare Segmente helfen, den Aufbau der Kokerei zu verstehen. Der Denkmalpfad ist allerdings nur mit Führung zugänglich, da Effekte allein fachliche Auskünfte versierter Menschen nicht ersetzen können – zum Beispiel des „Altkokers“ Albert Mühlenweg, der drei Jahrzehnte Betriebsangehöriger war.
Über tausend Arbeitsplätze gab es einst in der Kokerei, wovon einige im Bereich „Arbeit und Leben“ exemplarisch vorgestellt werden. Danach geht es um das erwähnte „Drücken“ des Kokskuchens sowie in zwei weiteren Abteilungen einerseits um die chemischen Nebenprodukte, andererseits um die Ofenkammern, die beim Rundgang virtuell zum Glühen gebracht werden. Der 2026 komplettierte Denkmalpfad befasst sich außerdem mit den Themen „Beheizen“ und „Abkühlen“ sowie „Übergabe“, das heißt dem Befüllen der Kokskohlebunker. Unverzichtbar ist ferner die Auseinandersetzung mit „Umweltbelastungen und Umweltschutz“.
Der Fuchs
Zum Schluss müssen wir noch das Geheimnis des Fuchses lüften – wobei das Stichwort „lüften“ bereits zaghaft in die richtige Richtung weist. Denn es stehen die gewaltigen Luftströme im Mittelpunkt, mit denen die bei der Verkokung entstandenen, nicht nutzbaren Rauchgase abzogen. In der Fachsprache bezeichnet der Ausdruck „Fuchs“ einen Kanal zwischen Ofen und Schornstein. In der Kokerei Zollverein hat man es sogar mit einem ganzen Kanalsystem zu tun. Früher war es nicht betretbar, jetzt verdeutlicht hier ein animiertes LED-Lichtsystem die Wege der Abluft – bis hin zum schwindelerregenden Blick hinauf in einen 98 Meter hohen Schornstein.
Text: Ralf J. Günther

Ringpromenade
Zollverein ist nicht nur ein riesiges doppeltes Industriedenkmal, sondern seit 2008 auch der Sitz des Ruhr Museums. Darüber hinaus bietet das hundert Hektar große Gelände zahlreiche weitere Anziehungspunkte wie einen Skulpturenwald, das Red Dot Design Museum im ehemaligen Kesselhaus und viel wilde Natur im Zollverein-Park. Um Überblick zu gewinnen, empfiehlt sich eine Wanderung auf der dreieinhalb Kilometer langen Ringpromenade, die von der NRW-Stiftung gefördert wurde und rund um das Welterbe-Areal führt. Die Strecke wird durch ein zwanzig Zentimeter breites Stahlband mit LED-Beleuchtung markiert und dadurch zugleich geteilt, um eine Überholspur für Fahrräder zu schaffen.
Blickpunkt
Die NRW-Stiftung unterstützte die „Gesellschaft der Freunde und Förderer der Stiftung Zollverein e. V.“ bei der technischen Realisierung und beim Ausstellungsbau für den Denkmalpfad der Kokerei Zollverein mit seinen insgesamt zehn Stationen. Schon früher förderte sie die drei Kilometer lange, durch LED-Licht gekennzeichnete Ringpromenade rund um das Welterbe.
Weitere Infos unter: www.zollverein.de und www.freunde-zollverein.de






















