Wenn die Bestände selten gewordener Tiere vor dem Aussterben bewahrt werden sollen, sind Nachzucht und anschließendes Auswildern eine bewährte Praxis. Ganz ähnlich gehen die Mitarbeitenden der Biologischen Stationen Oberberg und Rhein-Berg jetzt vor, um einigen gefährdeten Arten unter die Arme zu greifen, die früher in Feuchtheide und Mooren der Bergischen Kulturlandschaft häufig waren. Im Fokus stehen nicht bedrohte Tierarten, sondern Pflanzen wie Beinbrech, Wald-Läusekraut, Borstgras und Glockenheide.
Dabei beachten die Fachleute der Biostationen einige wichtige Grundsätze: Die Pflanzensamen werden nur dort gesammelt, wo ihre Entnahme keinen Schaden anrichtet. Und oft liegen die intakten Spenderpopulationen nur wenige Kilometer entfernt von den an Arten verarmten Empfängerflächen, auf denen die Jungpflanzen ausgebracht werden sollen. Ursachen für die Verluste der typischen Flora waren dort die zwischenzeitliche Entwässerung der Böden, die Aufforstung mit Fichten oder andere Eingriffe, mit denen man versucht hatte, die Grenzertragsstandorte rentabel zu machen. Den Gedanken, dass die genannten Arten dabei an den Rand des regionalen Aussterbens geraten könnten, hatte man früher verdrängt. Heute stehen die Heidemoore des Bergischen Landes unter strengem Schutz und sie genießen hohe Wertschätzung.
Rätselhafte Pflanzennamen
Der Pflanzenname „Beinbrech“ (Narthecium ossifragum) für die auch als Moorlilie bekannte Art ist erklärungsbedürftig: Den lateinischen Namen „ossifragum“ – wörtlich übersetzt „Knochenbrecher“ – findet man erstmals in einem Buch aus dem 17. Jahrhundert. Er wurde zunächst in Dänemark für die Moorlilie benutzt, wo es hieß, wenn ein Rind „von dieser frisset, zerbricht und zermalmet es ihm zur Stund alle Gebeine“. Das war sicher übertrieben, andererseits sind Beinbrech und andere Pflanzen, die auf sehr sauren, nassen Böden wachsen, extrem arm an Kalzium und sie können, wenn Rinder ausschließlich an solchen Stellen weiden, zu einer erhöhten Knochenbrüchigkeit beitragen. Noch rätselhafter ist der Ursprung des Namens „Wald-Läusekraut“ (Pedicularis sylvatica), denn es wächst nicht in Wäldern, sondern auf Feuchtheiden. Zeigte die Pflanze an, dass solche Flächen nur einen „lausigen“ Ertrag lieferten? Oder bekamen Rinder dort häufiger Läuse? Vielleicht wurden auch Zubereitungen des Krauts von der Landbevölkerung benutzt, um Läusebefall zu behandeln.

Unterschiedliche Wege zum Erfolg
Für ein möglichst effizientes Vorgehen in ihrem Projekt fragten die Mitarbeitenden der Biostation Oberberg zunächst bei anderen Institutionen an, die schon Erfahrung mit solchen Wiederansiedlungen hatten. Dabei kristallisierten sich mehrere Methoden heraus, um Pflanzen in ausreichender Zahl zu gewinnen: Neben der Anzucht unter gärtnerischen Bedingungen und dem späteren Auspflanzen lassen sich manche Arten nach einer Vorbereitung der Empfängerflächen auch direkt dort einsäen. Erfolgversprechend kann es weiterhin sein, Bodenmaterial von Spenderflächen zu übertragen, das keimfähige Samen oder regenerierbare Sprossabschnitte enthält. Langfristiger Erfolg ist solchen Maßnahmen aber nur dann beschieden, wenn die Standorte nach der Etablierung des Nachwuchses zukünftig vor schädlichen Eingriffen, insbesondere vor Verbuschung und Austrocknung, bewahrt werden. Um diese wertvollen Elemente der Kulturlandschaft zu erhalten, müssen sie dauerhaft extensiv genutzt werden. Sämtliche Aktivitäten werden wissenschaftlich dokumentiert und die Ergebnisse über die Projektdauer hinaus kontrolliert. Anschließend soll die Anzuchtstation zur Vermehrung von Pflanzgut auch anderer gefährdeter Lebensräume im Bergischen Land genutzt werden. Die eingesetzten Fördermittel kommen also zukünftig weiteren Artenschutzmaßnahmen zugute.
Text: Günter Matzke-Hajek
Blickpunkt
Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) fördert gemeinsam mit der NRW-Stiftung den Aufbau einer professionellen Anzuchtausrüstung für die Biostationen Oberberg und Rhein-Berg. Sie dient der Vermehrung gefährdeter Pflanzen, um diese anschließend in Heidemooren in der Umgebung auszubringen und so die vom Aussterben bedrohten Bestände der regional gefährdeten Arten zu stärken. biostationoberberg.de/projekte/beinbrech-und-laeusekraut
























