Aufschlussreicher geht es nicht: Mit klirrendem Schlüsselbund in der Hand darf man sich im „Deutschen Schloss- und Beschlägemuseum“ an raffinierten Mechanismen versuchen, die teilweise schon vor Jahrtausenden ersonnen wurden. Keine andere Ausstellung präsentiert die Geschichte von Schloss und Riegel so fundiert wie die im bergischen Velbert. Die Stadt mit dem Schlüssel im Wappen ist aber nicht nur Museumssitz, sondern zusammen mit dem benachbarten Heiligenhaus auch Standort führender Hersteller von Sperr- und Sicherungslösungen – zum Beispiel der Schließanlage des Deutschen Bundestags im Berliner Reichstagsgebäude.
Deutsches Schloss- und Beschlägemuseum in Velbert

Foto: Dt. Schloss- und Beschlägemuseum/Andreas Lange

Ganz klar – ein kühler Kopf des 21. Jahrhunderts scheitert nicht an einem uralten Holzriegel. Zumal das Anleitungsvideo nun schon zum dritten Mal gestartet wurde. Also: Lederschnur durch das Loch in der Tür holen, den eingefädelten Hilfsstab hineinwerfen und die Schnüre keinesfalls loslassen. Langsam ziehen. Tatsächlich, es klappt – bestens sogar, seitdem man es nicht mehr auf der falschen Seite der Tür versucht und verstanden hat, dass sich hier ein innenliegender Riegel trickreich von außen öffnen lässt.
„Lockpicking“ nennt sich die Kunst des beschädigungslosen Entsperrens von Schlössern ohne Originalschlüssel. Manche Langfinger beherrschen sie, einige Enthusiasten betreiben sie sogar als Geschicklichkeitssport. Die Überlistung der im Museum nachgebauten Stoßriegelkonstruktion aus dem Alten Ägypten macht einen allerdings weder zum Meister noch zum Meisterdieb, denn mit Schloss und Schlüssel im engeren Sinn hantiert man dabei nicht – der im 19. Jahrhundert entdeckte, per Schnur dirigierbare „Stab des Mahu“ öffnete ganz einfach alle Türen mit gleicher Verriegelung. Der Archäologie gab er trotzdem einige Rätsel auf, hielt sie ihn doch lange für einen Lockenwickler.
Ein Riegel ist kein Schloss, aber mithilfe von Riegeln gelang es schon im Altertum vollgültige Schlösser zu konstruieren – ganz aus Holz. Die Schwerkraft war entscheidend: Zog man den Schlüsselstab heraus, dann rutschten mehrere „Fallriegel“ durch ihr Eigengewicht senkrecht herab und sperrten den Mechanismus. Ausgefuchste Metallkonstruktionen brachte die Antike ebenfalls schon zustande, römische Türschlösser zum Beispiel, in denen die Schlüssel nicht wie heute gedreht, sondern angehoben wurden, um so die Sperrstifte nach oben zu drücken.



Schlüsselregion
Ein paar Rätsel mit sieben Siegeln, pardon: Riegeln, wären damit gelöst, es bleiben aber noch viele andere. Römische Ringschlüssel etwa lagen nicht in Werkzeugkästen, sondern steckten an den Fingern verheirateter Frauen. Letztere sicherten damit ihr persönliches Eigentum – meist in einer einzigen Truhe, da der gesamte übrige Besitzstand dem Mann gehörte. Manche Ringschlüssel waren überhaupt nicht praktisch verwendbar, sie kennzeichneten lediglich den Familienstand einer Frau, vergleichbar mit modernen Eheringen.
Zu den Highlights der Museumssammlung gehören nicht zuletzt Objekte aus Velbert selbst – vom schwer beschlagenen, sechsfach versperrten Opferstock aus dem 17. Jahrhundert bis hin zum kompletten Inventar der „Wönnemannschen Schmiede“, die vor knapp hundert Jahren noch vom letzten selbständigen Schlossmacher der Stadt betrieben wurde. Was uns zu der Frage führt: Warum erstreckt sich ausgerechnet rund um Velbert Deutschlands wichtigste „Schlüsselregion“?
Der automatische Detektiv
Dieses Detector-Schloss mit zwei Riegeln entstand um 1700 in England. Der größere Teil, auf dem der Mann mit Hut und Stab zu sehen ist, gehörte ans Türblatt, der kleinere an den Türrahmen. Zum Betätigen nur eines Riegels schob man den Hut hin und her. Für beide Riegel war ein Schlüssel nötig. Das Schlüsselloch erschien, wenn man das linke Bein der Figur emporschnellen ließ – mittels Knopf unter ihrem Fuß. Jedes Aufsperren wurde detektivisch registriert, indem sich die Ziffernscheibe unter dem Stab weiterdrehte. Bei Zählerstand 100 öffnete sich das Schloss nicht mehr. Zum Zurücksetzen diente ein Geheimknopf auf der Brust des Mannes.

Das Zauberschloss
Einer der Gründe lag in den kargen Böden der Gegend, die viele Menschen zu gewerblicher Tätigkeit zwangen, obwohl dafür – anders als sonst oft im Bergischen Land – keine Wasserkraft zur Verfügung stand. Die Herstellung von Schließvorrichtungen bot einen Ausweg, der in und um Velbert so eifrig beschritten wurde, dass es hier gegen Ende des 18. Jahrhunderts fast neunhundert Kleinmeister gab. Ihre Erzeugnisse wurden durch sogenannte Verleger vermarktet, was angesichts der Langlebigkeit der Produkte viel Umherreisen erforderte.

Im industriellen Zeitalter entwickelte sich das regionale Knowhow weiter: Die Schließanlage der Universität Köln – mit Gruppen, Untergruppen und einem Zentralschlüssel für 867 Schlüssellöcher – galt in den 1930er Jahren sogar als „Zauberschloss“ aus Velbert. Kein Wunder also, dass heute auch der Bundestag eine Schließanlage aus dem Bergischen Land nutzt und dass Velbert Sitz des Schloss- und Beschlägemuseums ist. Gegründet 1928 als Heimatmuseum öffnet es sich dem Versperren seit 2021 in einem Neubau neben einer historischen Fabrikantenvilla – Ausblicke auf das digitale Zeitalter der Chips, Passworte und biometrischen Identifikationen inklusive.
Text: Ralf J. Günther
Blickpunkt

Auf Antrag der „Fördergemeinschaft des Deutschen Schloss- und Beschlägemuseums“ unterstützte die NRW-Stiftung die Reproduktion von 23 Exponaten mittels 3D-Druck. Die tastbaren Kopien vermitteln auch bei mangelndem Sehsinn Eindrücke etwa von mesopotamischen Rollsiegeln oder französischen Kammbartschlüsseln. Sie dienen der Barrierefreiheit und Inklusion im interaktiven Museum für Schließ- und Sicherheitstechniken.
schlossundbeschlaegemuseum.de
























