Strom im Flusstal, Zug um Zug

Die Extertalbahn

Foto: Landeseisenbahn Lippe

Für Spannung ist gesorgt: Die Extertalbahn im Lipperland hatte schon bei ihrer Eröffnung vor knapp hundert Jahren eine elektrische Oberleitung, was damals an deutschen Schienenwegen eine Rarität war. Heute wird die Bahn als funktionsfähiges technisches Denkmal auf rund elf Kilometern für Museumsfahrten genutzt – mit Dampf und Diesel und vor allem mit einer E-Lok, die genauso alt ist wie der Betrieb selbst. Damit die Lok sich bewegt, muss der Wechselstrom aus dem Netz allerdings zuerst in Gleichstrom verwandelt werden. Die NRW-Stiftung hilft bei der Erneuerung der notwendigen Technik.


Den Osterhasenexpress erleben, an einer Nikolausfahrt teilnehmen oder im Grünkohlzug sitzen – die Extertalbahn macht es möglich. Sogar der Krimizug „Letzter Halt“ verkehrt hier, in dem die Fahrgäste zwischen Extertal-Bösingfeld und Barntrup einen rätselhaften Fall zu lösen haben. Wobei man einwenden könnte, dass der letzte Halt der Extertalbahn eigentlich Rinteln sei. Auf den Gleisabschnitten, die bis in die niedersächsische Stadt führen, rollen heute aber nur noch Fahrraddraisinen. Vielleicht, so eine aktuelle Idee, kommen irgendwann „Monocabs“ hinzu, selbstfahrende Kabinen, die in einer Art Paternosterbetrieb auf nur einer(!) Schiene entlanggleiten. Das ist indes vorläufig Zukunftsmusik.
 

 

Zwei Vereine

Dass die privat betriebene Extertalbahn als elektrifizierte Strecke geplant war, vereinfachte die Trassenführung, werden Elektro­motoren mit Steigungen doch wesentlich leichter fertig als Dampfkessel. Gleichzeitig bot das Projekt dem Elektrizitätswerk Wesertal – 1924 zusammen mit den Anliegergemeinden Gründer der Extertalbahn AG – die Möglichkeit, Produktionsüberschüsse zu verwerten. Entgegen den Erwartungen lief die Personenbeförderung dabei zunächst besser als der Gütertransport, für den man mit den 1927 gebauten Elektroloks E 21 und 22 eigens zwei Gütertriebwagen auf die Schienen brachte. 

Beide Triebwagen existieren bis heute: Die E 21 kann in Bösingfeld besichtigt werden, ist aber nicht fahrbereit. Die E 22, die im Laufe der Zeit einige Umbauten erlebte, wurde so gründlich überholt, dass sie wieder durch ihr vertrautes Flusstal rollen kann – die älteste deutsche E-Lok, die noch auf ihrer Stammstrecke unterwegs ist. Obwohl die Loks Eigentum der Verkehrsbetriebe Extertal sind, werden sie vom „Historischen Verein zur Erhaltung der Eisenbahnen in Lippe“ betreut, der für den Fahrzeugbestand der Extertalbahn zuständig ist. Sein Partnerverein, der Freundeskreis „Landeseisenbahn Lippe e. V.“, kümmert sich um Betrieb, Wartung, Streckenpflege und Veranstaltungen.

Die Extertalbahn beförderte bis Ende der 1960er Jahre Personen, Güterzüge fuhren, wenn auch immer seltener, bis zur Jahrtausendwende. Heute gilt die Bahn als technisches Denkmal von nationaler kultureller Bedeutung. Sie benötigt Gleichstrom, der so heißt, weil er genau das tut, was auch die 26 Kilometer lange Exter, ein Nebenfluss der Weser, beharrlich macht: Er fließt stets in dieselbe Richtung. 
 


AC/DC

Im legendären „War of Currents“, dem amerikanischen „Stromkrieg“ von 1890, half dem Gleichstrom aber – um im Bild zu bleiben – alle Zielstrebigkeit nichts: Bei dem öffentlich ausgetragenen Streit um die Elektrizitätsversorgung der USA unterlag damals der Gleichstrombefürworter Thomas Alva Edison seinem Widersacher George Westinghouse, der den flexibler nutzbaren, hin und her rasenden Wechselstrom favorisierte.

Auch deutsche Steckdosen liefern Wechselstrom, weshalb wir für gleichstrombetriebene Geräte wie etwa Laptops zusätzliche Netzteile brauchen. Kaum jemand liest dabei die englische Bezeichnung AC-Adapter, die sich auf den Geräten oft findet. Sie bezieht sich auf die Umwandlung von „Alternating Current“ (AC) in „Direct Current“ (DC) – Australiens Rocksenioren AC/DC lassen grüßen. Die Extertalbahn nutzt natürlich keine Miniaturnetzteile, zu ihrer historischen Ausstattung gehören vielmehr zwei große Gleichrichter, die DC-Power auf eine für Laien höchst mysteriöse Weise durch das Zünden und Erlöschen von Quecksilberdampf bewirken. Das Problem: Einer der Apparate ist ausgefallen, und es gibt keine Fachleute mehr, die ihn reparieren könnten. Daher wird nun mithilfe der NRW-Stiftung eine ganz neue Bahnstromversorgung installiert. Sie schont zugleich den noch funktionstüchtigen Teil der alten Anlage, der die historische Technik des „Quecksilberdampfgleichrichtens“ weiterhin veranschaulichen soll.

Text: Ralf J. Günther
 

Kulturstellwerk an der Bega 

Die nordsüdlich verlaufende Extertalbahn hatte früher in Barntrup Anschluss an die westöstliche Verbindung Lage-Lemgo-Hameln, die sogenannte Begatalbahn. Jahrelang veranstaltete der Verein „Landeseisenbahn Lippe“ hier bis Dörentrup öffentliche Fahrten. Aktuell gibt es aber nur noch Betriebseinsätze und Einzelveranstaltungen. Dafür existiert am Dörentruper Bahnhof Farmbeck mit dem „Kulturstellwerk Nordlippe“ ein Kooperationspartner der Extertalbahn, der unter anderem die beliebten Krimifahrten ermöglicht. Das Stellwerk ist eine Initiative im Sinne des NRW-Förderprogramms „Dritte Orte“ und bietet zum Beispiel Erzählabende und Jugendtreffs. Unter „Dritten Orten“ versteht man in der Soziologie Kultur-, Veranstaltungs- und Begegnungsstätten jenseits von Wohnung und Arbeitsplatz.

Blickpunkt

Die NRW-Stiftung stellte dem „Historischen Verein zur Erhaltung der Eisenbahnen in Lippe e. V.“ Mittel für die Erneuerung der Gleichrichteranlage der Extertalbahn zur Verfügung. Auf der Strecke wird zudem auch unter Dampf gefahren. Bereits früher gab es daher Stiftungsmittel für die Instandsetzung der Dampflok Lipperland.
www.landeseisenbahn-lippe.de