Orte der Trauer und Begegnung, Zeugen einer sich wandelnden Bestattungskultur, grüne Lunge im hektischen Getriebe großer Städte und Lebensraum für Tiere und Pflanzen: Die besondere Verbindung von Kultur und Natur macht Friedhöfe zu einzigartigen Orten – so einzigartig, dass die Friedhofskultur in Deutschland von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt wurde.
Friedhöfe sind Orte, an denen uns die eigene Vergänglichkeit vor Augen geführt wird wie nirgendwo sonst. Doch zugleich stecken sie voller Leben. Zwischen Grabsteinen und Hecken, in alten Alleen und auf blütenreichen Wiesen offenbart sich eine ökologische Vielfalt, die andernorts vor allem in den dicht besiedelten Ballungsräumen oft nicht mehr zu finden ist. Wer einmal an einem heißen Sommertag über die schattenlosen, steinernen Friedhöfe der südeuropäischen Länder gegangen ist, wird die Oasen zu schätzen wissen, zu denen sich viele Friedhöfe in Deutschland über die vergangenen Jahrzehnte, oft über Jahrhunderte, entwickelt haben. Mächtige Linden, Kastanien und Eichen, dichte Heckenreihen und liebevoll individuell begrünte Grabstätten prägen das Bild.



Diese Mini-Mosaike aus verschiedenen Landschaftselementen sind Hotspots der Artenvielfalt, die andernorts aus der Kulturlandschaft weitgehend verschwunden sind. Eichhörnchen, viele Singvogelarten, Igel und Füchse haben die Ruhestätten als Überlebensinseln in der urbanen Umgebung für sich entdeckt. Kein Wunder, dass sich auch immer mehr seltene Tier- und Pflanzenarten in diese Oasen zurückziehen. Auf den Friedhöfen großer Städte wie Köln oder Berlin leben heute beispielsweise mehr Habichte als im ländlichen Umland. Auch seltene Käfer, Schmetterlinge oder Fledermäuse ziehen immer häufiger auf die Friedhöfe.

Sehr anschaulich wird die ökologische Bedeutung der Ruhestätten auf dem Evangelischen Friedhof in Hagen-Haspe dargestellt. Dort haben die Biologische Station Umweltzentrum Hagen, die evangelische Kirchengemeinde und lokale Partner gemeinsam auf mehr als sechs Hektar Friedhofsfläche in den vergangenen Jahren einen Lehrpfad zur Biodiversität geschaffen. Zwischen Grabfeldern, alten Bäumen und neu entstandenen Biotopen informieren 14 Schautafeln über die Vielfalt des Lebens zwischen den Toten: über Hirschkäfer, Vögel und Wildbienen, über die Rolle von Hecken und ungedüngten Magerwiesen und vieles mehr. Besucherinnen und Besucher begeben sich mit einem Besuch auf dem Friedhof gleichzeitig auf eine Naturexkursion, bei der sie in Trockenmauern das Leben von Eidechsen studieren, sich an einem insektenfreundlich bepflanzten Mustergrab für den eigenen Garten inspirieren lassen oder sich vor alten Streuobstbäumen darüber informieren können, warum alte Obstsorten wichtig für die Tierwelt sind.
Friedhofskultur ist immaterielles UNESCO-Kulturerbe
Doch Friedhöfe sind nicht nur Naturraum. Sie sind auch Spiegel des gesellschaftlichen und kulturellen Wandels über die Jahrhunderte hinweg. Wie sich die Einstellung zu Tod und Religion verändert hat, zeigt sich vor allem an der Gestaltung der Grabmale und -steine: von prachtvollen Barockmonumenten voller Engel über schlichte Nachkriegsgräber bis zu modernen Stelen aus Edelstahl oder Glas. Friedhöfe sind die wohl größten Skulpturenparks des Landes – frei zugänglich, voller Geschichte und Handwerkskunst.

Nicht zuletzt sind sie auch ein Raum für Begegnungen – in schwierigen Zeiten der Trauer und darüber hinaus. Der Tod hinterlässt viele ältere Menschen alleinstehend. Für sie erweist sich der Besuch auf dem Friedhof zur Grabpflege auch als Treffen mit Gleichaltrigen und vom gleichen Schicksal Betroffenen. Für viele Seniorinnen und Senioren sind Friedhöfe wichtige Orte, an denen sie Sozialkontakte pflegen und neue Freundschaften knüpfen.
Die einzigartige übergreifende Funktion als Naturrefugium, Kulturraum und Ort der sozialen Begegnung macht die Friedhöfe in Deutschland zu prägenden Orten der Gesellschaft. Diese Rolle will auch die UN-Kulturorganisation UNESCO durch die Anerkennung der Friedhofskultur in Deutschland als immaterielles Kulturerbe würdigen und stärken. Dieses Ziel hat auch das deutsche Kuratorium Immaterielles Erbe Friedhofskultur e. V., das sich im Sinne der UNESCO für die Pflege, den Erhalt und die Weiterentwicklung der Friedhofskultur in Deutschland einsetzt. „Friedhöfe sind nicht nur Orte der Trauer und des Gedenkens, sondern lebendige Kultur- und Naturräume, die unsere Gesellschaft in vielfacher Weise prägen“, so die UNESCO.
Text: Thomas Krumenacker
Blickpunkt

Die NRW-Stiftung engagiert sich seit langem für Friedhöfe sowohl als Refugien der Natur in der Stadt und als Orte kultureller Bedeutung. Auf dem Evangelischen Friedhof in Hagen-Haspe förderte sie den Biodiversitätslehrpfad, in Dortmund-Mengede, Viersen und Bochum die Restaurierung historischer Grabstätten und in Werl, Bonn und Krefeld Publikationen über Friedhöfe.
www.kulturerbe-friedhof.de






















