Ein Haus für die Geschichte der Behandlung

Die Villa Medica in Rhede

Foto: Angelika Zerwes

Rund dreißig Jahre nach seiner Eröffnung gibt es das Medizin- und Apothekenmuseum Rhede in neuer, verbesserter Darreichungsform, hochverträglich bei Wissensdurst und mit informativer Breitbandwirkung – letzteres insbesondere durch große Wandillustrationen, die von der NRW-Stiftung gefördert wurden. Sie zeigen zum Beispiel die Familie Rheesing, deren fiktive, aber exemplarische Schicksale in die Zeit zurückführen, als medizinische Dienstleistungen nur allmählich in ländliche Gegenden vordrangen und „Schrankdrogisten“ Marktlücken ausnutzten.

Wer Arzneien verordnet, soll nicht mit Arzneien handeln. So steht es sinngemäß im „Edikt von Salerno“, mit dem der Stauferkaiser Friedrich II. schon vor fast achthundert Jahren eine Idee propagierte, die für die heutige Trennung zwischen Arztpraxis und Apotheke noch immer von Bedeutung ist: Medi­kamente sollen im Dienst der Gesundheit verkauft werden, nicht im finanziellen Interesse derjenigen, die sie verschreiben. Doch während das Digitalzeitalter darüber grübelt, wie sich dieser Grundsatz mit Netzunternehmen verträgt, die unter einem Dach „Telemedizin“ und Online-Apotheken betreiben, war echte medi­zinische Hilfe für viele unserer Vorfahren noch weit entfernt.


Landapotheke

Rhede, erst seit 1975 Stadt, veranschaulicht die historische Situation in zahlreichen ländlichen Gegenden: Sogenannte Wundärzte, beim Militär ausgebildet, gab es in dem Ort schon ab 1743. Sie beherrschten aber meist nur einfache chirurgische Handgriffe. Die Gründung einer Apotheke hingegen scheiterte lange an den Privilegien, durch die ein Betrieb in Bocholt in weitem Umkreis vor Konkurrenz geschützt war. Im kleinen Rhede könne ein Arzneihandel ohnehin nicht existieren, argumentierten die Behörden. Selbst die herannahende Cholera sei, so hieß es 1832, kein Grund „für die Eröffnung nicht notwendiger Apotheken“.

Noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts mussten sich Kranke daher meist mit überlieferten Hausmitteln oder den Inhalten des kleinen Kastens begnügen, den der Wundarzt offiziell als „Hausapotheke“ führen durfte. Für die Geburtshilfe standen außerdem Hebammen bereit. Dann aber änderte sich die Situation: 1840 kam die erste Landapotheke nach Rhede, 1850 folgte der erste studierte „Doktor“. 1853 eröffnete das St. Vinzenz-Hospital, zunächst als Mischung aus Waisenhaus, Altenheim, Armenzuflucht und Krankenstation, betreut von katholischen Clemensschwestern. 1879 zum Krankenhaus umgewandelt, ist es heute eine psychiatrische Klinik. 


Trotz aller Fortschritte blieben die gesundheitlichen Risiken hoch, vor allem durch Infektionskrankheiten. Ausgerechnet der neue Arzt in Rhede fiel 1860 der Ruhr zum Opfer. Familie Rheesing ist ebenfalls betroffen: Die in der Fiktion 1880 geborene Gertrud Rheesing erkrankt als Säugling an den Masern, erholt sich nie ganz und bleibt für immer eine „Hülflose“. Selbst zahnärztliche Hilfe steht im Ort erst im frühen 20. Jahrhundert zur Verfügung. Wobei man angesichts des ausgestellten „Tretbohrers“ froh sein darf, dass das Museum zwar interaktive Medienstationen bietet, aber nicht zu interaktiven Selbstversuchen einlädt – auch nicht mit der „Familienzahnbürste“, die einst von Mund zu Mund wanderte.
 


Die Zeit von 1850 bis 1950 bildet den thematischen Schwerpunkt der Villa Medica. Im Erdgeschoss werden zunächst die Bedingungen des damaligen ländlichen Lebens und die Geschichte des Gebäudes erläutert, in dem man sich befindet (siehe Kasten). Die erste Etage widmet sich den vielfältigen Berufen rund um die menschliche Gesundheit, im oberen Stockwerk geht es um die Krankenpflege und die Entwicklungsschritte auf dem Weg vom Armenhaus zur modernen Klinik. Die Ausstellungstexte finden sich dabei für Gäste aus den nahen Niederlanden auch in Übersetzung.
 

Die Villa Harde

Das denkmalgeschützte Gebäude von 1923, das nun Villa Medica heißt, beherbergte nie eine Arztpraxis oder Apotheke. Als neoba­rocke „Villa Harde“ war es vielmehr das Wohngebäude einer in der Textilfärberei tätigen Fabrikantenfamilie. Elemente der Innenaus­stattung, Gemälde und ein Wohnraum erinnern noch daran. 1988 wurde das Haus städtisches Eigentum. Als Träger des Museums fungiert der „Heimat- und Museumsverein Rhede“, unterstützt vom „Förderkreis für das Medizin- und Apothekenmuseum in Rhede“. Seit der Neueröffnung sind die Räume der angrenzenden Alten Mühle mit einbezogen, wo sich Schautafeln mit dem Thema Ernährung befassen. Hundert Quadratmeter Fläche stehen für Sonderausstellungen zur Verfügung. Die oberen Stockwerke sind barrierefrei per Aufzug erreichbar.


Drogenschrank und Schrankdrogist

Eindrucksvolle Ausstattungsstücke aus einer alten Rheder Offizin bilden den Stolz des Museums. Sie wurden von Carola Starting gestiftet, die 1947 als erste Frau in Rhede eine Apotheke betrieb. Gleichwohl ist die Geschichte der Arzneien buchstäblich ein trockenes, ein geradezu „dröges“ Thema. Schließlich bezeichnet die Pharmazie heilkräftige Pflanzenteile und andere Organismen, die durch Trocknung haltbar gemacht werden, selbst als „Drogen“. Das Museum kann sogar einen gasbetriebenen Trockenschrank von etwa 1910 präsentieren. Höchst unbeliebt waren bei den Apotheken damals allerdings die sogenannten Schrankdrogisten – fliegende Händler, die mit einem von einer Herstellerfirma befüllten Umhängeschrank umherreisten, in dem sich zweifelhafte Universalmittel und kosmetische Präparate befanden. Es war die mobile Variante der als „wilde Apotheken“ ohnehin schon misstrauisch beäugten Drogerien.

Text: Ralf J. Günther
 

Blickpunkt

Die NRW-Stiftung stellte schon Anfang 2022 Mittel für neu inszenierte Exponate, interaktive Stationen und Barrierefreiheit im Medizin- und Apothekenmuseum Rhede zur Verfügung. Nun unterstützte sie den „Heimat- und Museumsverein Rhede e. V.“ außerdem bei großformatigen, auch für Kinder attraktiven Wandillustrationen, die den technischen Exponaten mehr Anschaulichkeit verleihen. Die Stiftung würdigt damit das große ehrenamtliche Engagement für das Museum.
www.museum-villa-medica.de