Eichen für die Eisenzeit

Eisenzeit im Archäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen

Die Giebelseite des Langhauses

Foto: Jonas Radtke/Ullstein-Verlag

Cäsar habe die Germanen erfunden, heißt es manchmal. Zumindest geht auf ihn die Angewohnheit zurück, die in der Antike östlich des Rheins siedelnden Menschen höchst summarisch als Germanen zu bezeichnen. Wie diese Menschen lebten, die tatsächlich zu ganz unterschiedlichen Gruppen, Stämmen und Verbänden gehörten, schildern uns die römischen Schriftsteller nur ausschnitthaft und in subjektiver Perspektive. Grabungsergebnisse sind oft konkreter, bedürfen allerdings anschaulicher Vermittlung, um ein größeres Publikum zu erreichen – so wie im Archäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen, wo jetzt die Rekonstruktion eines germanischen Langhauses zu sehen ist.

Auf die Bronze- folgt die Eisenzeit: Der Lehrbuchsatz hat im Freilichtmuseum Oerlinghausen einen Doppelsinn bekommen, seit hier mit Förderung der NRW-Stiftung der Nachbau eines eisenzeitlichen Langhauses an die Stelle einer bronzezeitlichen Gebäuderekonstruktion getreten ist. Schon letztere diente der lebendigen Vermittlung archäologischer Erkenntnisse, wie sie heute breite Anerkennung findet – nicht zuletzt dank der Oerlinghauser Museumsarbeit in Verbindung mit „Exarc“, einem 2003 gegründeten, internationalen Netzwerk für experimentelle Archäologie und Freilichtausstellungen. Doch warum musste die Bronzezeit im Museum der Eisenzeit weichen?


Hillebille zur Eröffnung

Das alte Haus war nach rund vierzig Jahren nicht mehr diensttauglich. Der Neubau sollte sich aber nicht wieder an bronzezeitlichen Befunden aus dem Münsterland orientieren, zu denen es in Ostwestfalen-Lippe, der Heimat des Museums, kein Gegenstück gibt. Daher knüpft das jetzige Langhaus bewusst an eisenzeitliche Siedlungsspuren in Paderborn-Saatental an – und gehört damit in die Epoche der römisch-germanischen Konfrontation um Christi Geburt, an die auch das Hermannsdenkmal im Land Lippe so unübersehbar erinnert.

Der rund 33 Meter lange Neubau erforderte fast zweihundert Eichenstämme, viele Tonnen Lehm, Tausende Stunden ehrenamt­lichen Zupackens und das Knowhow versierter Zimmerleute. Letztere trommelten zur Abwehr böser Einflüsse am Eröffnungstag mit ihren Äxten eine traditionell-rhythmische „Hillebille“ aufs Brett, während der Richtspruch für das Haus den Gott Odin beschwor. Göttliche Hilfe hätte das Team um Museumsleiter Karl Banghard bei seinem ehrgeizigen Vorhaben wohl vor allem im Kampf mit der Bürokratie gebrauchen können. Doch wer würde die Geduld Odins, des Wanderers, mit mehrhundertseitigen Gutachten über Fragen der Baustatik zu strapazieren wagen?

Bei den Germanen herrschte vor zweitausend Jahren noch vorgeschichtliche Schriftlosigkeit – selbst die legendären Runenzeichen sind erst später überliefert. Nur römische Quellen berichten daher von dem Hinterhalt, in den der Cherusker Arminius im Jahr 9 n. Chr. drei römische Legionen lockte. Die Falle bedeutete das Ende von Roms rechtsrheinischen Eroberungsplänen, löste aber eine Reihe von Rachefeldzügen des Feldherrn Germanicus aus, so dass cheruskische oder andere Zeitgenossen des Arminius in ihren Langhäusern, die Wohnraum, Stall und Arbeitsbereich unter einem Dach vereinigten, unruhige Jahre erlebten. Da die Germanen indes nicht einheitlich agierten, gab es auch Kooperation mit dem Imperium. Sogar Arminius hatte ja anfangs bei Hilfstruppen des römischen Militärs gedient.

 

Eisenzeit

Im sogenannten Dreiperiodensystem wird die europäische Urgeschichte (oder Vorgeschichte) in Stein-, Bronze- und Eisenzeit unterteilt. Wenn von der „vorrömischen Eisenzeit“ die Rede ist, meint man damit aber keine Epoche vor der Entstehung Roms, sondern die eisenzeitlichen Jahrhunderte in Nordeuropa, bevor dort die Römer auftauchten. Deren Vormarsch stoppte auf dem Gebiet des heutigen NRW kurz nach Christi Geburt am Rhein. Auch für die jenseits des Stroms liegenden, von Rom zwar nicht eroberten, aber beeinflussten Gebiete spricht man ab da von der „römischen Kaiserzeit“, manchmal auch von der „römischen Eisenzeit“. Wegen der schriftlichen Überlieferung aus römischer Feder ist zudem nicht mehr von Vor-, sondern von Frühgeschichte die Rede.


Germanenmythen

Der Gang durch die anderthalb Hektar große Oerlinghauser Freilichtschau führt von der Steinzeit bis ins frühe Mittelalter. Wichtig ist für Museumschef Banghard das Zurechtrücken ideologisch verzerrter Germanenbilder – besonders da die Anfänge des Museums in die Jahre fallen, als die Nazis das „Germanentum“ zur völkischen Grundkonstante deutscher Geschichte erklärten. Die 1936 erstmals errichteten Gebäude des Oerlinghauser „Germanengehöfts“, die Anfang der 1960er Jahre noch einmal fast unverändert erneuert wurden, dienen heute dazu, irreführende Geschichtsmythen anhand konkreter Objekte zu durchleuchten.


Das Museum ist außerdem Partner des Umweltbildungsprojekts „UrLand“, zu dem auch die „Klimaerlebniswelt Oerlinghausen“ und das Naturschutzgroßprojekt „Senne und Teutoburger Wald“ gehören. Wie unsere Vorfahren sich auf die wechselnden Klima­bedingungen einstellten, unter denen sie – etwa als eiszeitliche Jäger und Sammler – leben mussten, wird nicht zuletzt an viel­besuchten Aktionstagen thematisiert, bei denen es zum Beispiel um vorzeitliche Kleidung oder frühmittelalterliches Alltagsleben geht. Zahlreiche Mitmachveranstaltungen richten sich an Kinder, die sich beim eigenhändigen Kornmahlen oder bei der Werkzeugherstellung gern in ferne Zeiten versetzen lassen.

Text: Ralf J. Günther

Blickpunkt

Die NRW-Stiftung unterstützte den Verein „Archäologisches Freilichtmuseum Oerlinghausen e. V.“ bei der Rekonstruktion eines germanischen Langhauses aus der Zeit um Christi Geburt. In früheren Jahren wurden bereits der Nachbau eines frühmittelalterlichen Langhauses sowie eine digitale Geschichtswerkstatt zum Museum als Propagandaort der NS-Zeit gefördert.
www.afm-oerlinghausen.de