Aufgetürmt über malerischen Tälern, geprägt von Türmen und Zinnen, so sehen echte Burgen aus. Zumindest entsprechen sie so den romantischen Idealen, die das 19. Jahrhundert eifrig pflegte, bis hin zur Errichtung eindrucksvoller Phantasiebauten wie Schloss Drachenburg im Siebengebirge. Die viel älteren Schauplätze des realen Mittelalters fallen nicht immer so leicht ins Auge – die Überreste der großen Landesburg Nienborg im Westen des flachen Münsterlandes etwa verbergen sich heute größtenteils unter einer eher dörflichen Szenerie. Dank eines engagierten Trägervereins wird die frühere Wehrhaftigkeit des Areals nun jedoch in einem jüngst eröffneten Infozentrum anschaulich erläutert.
Der Weg in Nienborgs Vergangenheit führt durch ein steinernes Torhaus. Dahinter stößt man auf eine Pfarrkirche aus dem Jahr 1907, umgeben von neuerer Wohnbebauung sowie von einigen deutlich älteren Gebäuden. Das stolz emporragende „Hohe Haus“ zum Beispiel kleidet sich in architektonische Formen aus der Zeit um 1600, im Kern stammt es sogar aus dem 14. Jahrhundert. Damit ist es allerdings immer noch erheblich jünger als der fast zweieinhalb Hektar große Burgbezirk insgesamt, dessen Gründer heute – zumindest als Denkmal – vor der Kirche steht: Hermann von Katzenelnbogen, Fürstbischof von Münster, war ein Vertrauter des Stauferkaisers Friedrich Barbarossa, der ihn 1189 nach Byzanz schickte, um dort Verhandlungen im Vorfeld des Dritten Kreuzzuges zu führen. Dass der Gesandte am Bosporus mehrere Monate eingekerkert wurde, war nicht Teil des Plans, doch Hermann kam wieder frei und überstand anschließend auch den Zug ins Heilige Land, bei dem Barbarossa selbst tödlich verunglückte.

Fenster zur Vergangenheit
Wäre der Bischof nicht zurückgekehrt, Nienborg hätte wenig Grund, sich seiner zu erinnern, es würde vielleicht gar nicht existieren. So jedoch konnte Hermann in den folgenden Jahren seine Herrschaft im Bistum Münster ausbauen und dabei ab 1198 am Flüsschen Dinkel eine „neue Burg“ errichten lassen, lateinisch: novum castrum, niederdeutsch: Nienborg. Im Geschichtsbuch gehört die Zahl 1198 zu den fett gedruckten Daten, weil in diesem Jahr der große Thronstreit zwischen den Dynastien der Staufer und Welfen ausbrach, der im Reich für viel Unruhe sorgte (und in den Hermann sich persönlich einmischte). Die neue Burg wurde aber nicht deswegen in Angriff genommen, sie sollte vielmehr den Handelsweg von Münster in die Niederlande schützen und adlige Widersacher wie die Edelherren von Ahaus in Schach halten.
Das Großprojekt an der Dinkel ließ sich nicht kurzerhand aus dem Boden stampfen, sondern wurde zur Dauerbaustelle, auf der es immer wieder Veränderungen gab. Die wichtigste Maßnahme bestand darin, das Areal mit Wall, Graben und einer bis zu zehn Meter hohen Ringmauer zu umgeben. Wie Letztere aussah, versucht seit 1980 die Rekonstruktion eines schmalen Segments am Hohen Haus anzudeuten. Originale Mauerreste und das Fundament eines mehrstöckigen Turms hat die LWL-Archäologie 2021/22 ausgegraben. Sie sind im Untergeschoss des neuen Infozentrums zu sehen, das sich bereits von außen als „Archäologisches Fenster“ zur Vergangenheit zu erkennen gibt und im Innern vielfältige Erläuterungen mittels Schautafeln und Bildschirmen bietet. Nienborgs verborgene Burg entfaltet damit erstmals ihr volles Potenzial als lohnendes Ausflugsziel und als spannendes Lernerlebnis für Schulklassen, zudem ist ein Mittelpunkt für das Ehrenamt im Ort entstanden. Der „Trägerverein Landesburg Nienborg“ vermochte das starke Engagement für das Vorhaben umso erfolgreicher zu bündeln, als der unmittelbar am Burgtor gelegene Neubau eine leerstehende, längst ruinöse Gaststätte ersetzt hat, die in der Gemeinde als Schandfleck galt.
Burglehen und Burgmannssitze
Nienborg zählte zu den Befestigungen, auf die der Landesherr direkten Zugriff hatte. Im Gegensatz zu sogenannten „Offenhäusern“ – Burgen, die anderen Herren gehörten und ihre Tore nur im Krisenfall für landesherrliche Truppen „öffnen“ mussten – verfügten Landesburgen über ständige Besatzungen, bestehend aus ritterlichen Dienstleuten und Männern aus dem Niederadel. Sie erhielten keinen Sold, sondern bezogen ihre Einkünfte aus den ihnen verliehenen Burglehen, bei denen es sich in der Regel um landwirtschaftliche Güter handelte. Ihre Wohnstätten, von denen es innerhalb der Nienborger Ringmauer zeitweilig nicht weniger als vierzig gab, bezeichnet man als „Burgmannssitze“, wobei die außerordentlich hohe Zahl die besondere Bedeutung der Anlage an der Dinkel unterstreicht. Leider lässt sich nicht feststellen, welche Rolle jener Mann für die Burg spielte, dessen aus dem 14. Jahrhundert stammendes Skelett bei den Grabungen auftauchte. Indizien weisen darauf hin, dass er oft zu Pferde saß, also kaum aus der Unterschicht kam. Warum sein – heute verschollener – Kopf gewaltsam abgetrennt wurde, bleibt indes ein Geheimnis.
Im Spanisch-Niederländischen Krieg 1593 schwer beschädigt, wurde die Burg zunächst wieder aufgebaut, verfiel jedoch seit dem 17. Jahrhundert zunehmend und diente schließlich sogar als Steinbruch, da sich Militärwesen und Waffentechnik inzwischen völlig verändert hatten. Übrig blieben einige eher sagenartige Überlieferungen. Die heutige Pfarrkirche, so erzählt man sich zum Beispiel, stehe auf einem früheren Turnierplatz. Noch populärer ist die mit skurrilen Einzelheiten ausgeschmückte Geschichte vom „Wilden Bernd“, eines Wildschützen, der Nienborg im Dreißigjährigen Krieg vor den herannahenden Hessen gerettet haben soll – ein bronzenes Denkmal ist dem Helden gewidmet, kurioserweise außerdem eine Käsesorte. Übrig blieben, wie erwähnt, aber auch jene älteren Gebäude, von denen das Hohe Haus das größte ist. Lange im Besitz wechselnder Adelsfamilien, wird es heute als Café und festlicher Veranstaltungsort privat bewirtschaftet. Am entgegengesetzten Ende des Areals erinnert der Name der „Keppelborg“ an die Burgmannsfamilie von Keppel. Das dazwischenliegende „Lange Haus“ wird von der Landesmusikakademie NRW genutzt.
Landesmusikakademie NRW und Haus Hugenroth

Seit den 1980er Jahren bietet die Landesmusikakademie NRW als Partnerin von Orchestern, Chören, Bands, von Pädagogik und Nachwuchs musikalische Fortbildungen. An ihrem Sitz in Heek-Nienborg, wo jährlich viele Tausend Kursgäste übernachten, nutzt sie neben modernen Gebäuden auch das historische Lange Haus mitsamt dem dahinterliegenden Klanggarten. Die NRW-Stiftung unterstützte die Einrichtung von vier barrierefreien Zimmern in den Gästehäusern der Akademie. Überdies half sie beim Erwerb eines Konzertflügels und bei einer Dachsanierung. Ebenfalls auf dem Gelände befindet sich – am Standort eines ehemaligen Burgmannssitzes – das nach seiner letzten Besitzerin benannte Haus Hugenroth, das 2007 mithilfe der NRW-Stiftung vom Nienborger Heimatverein als Begegnungs-, Veranstaltungs- und Forschungsstätte eingeweiht werden konnte.
Gericht über Nienborg
Die drei Gebäude sind, ebenso wie das historische Torhaus, zwar nicht so alt wie das ausgedehnte Burgareal insgesamt, von dem sie nur einen geringen Teil einnehmen. Sie wurden aber sämtlich errichtet, als es die Korporation der Nienborger Burgmannen noch gab, die sich erst 1812 auflöste. Natürlich klirrten da an der Dinkel längst keine Kettenhemden mehr, obwohl es weiterhin üblich war, Adelssitze als „Rittergüter“ zu bezeichnen. Militärisch hatten die Burgmannen ihre Bedeutung schon während des späteren Mittelalters weitgehend eingebüßt. Nicht zuletzt ihre Neigung zu ausufernden Privatfehden musste den Landesherren die Verpflichtung von Söldnern auf die Dauer als vorteilhafter erscheinen lassen – umso mehr als viele Burglehen durch Vererbung oder Veräußerung an neue Besitzer kamen, die sich wenig um die ursprünglich damit verbundenen Pflichten kümmerten.
Im 16. Jahrhundert setzte sich das Verbot privater Fehden allmählich durch, so dass sich die Korporation der Nienborger Burgmannen immer mehr in eine unkriegerische Adelsvereinigung verwandelte. Dafür bewahrte sich das „Corpus Burgmannorum“ allerdings auf anderem Gebiet seine Vorrechte, stand ihm doch die Gerichtsbarkeit über Nienborg zu. Ein aus dem Jahr 1598 überlieferter Eid, den die Burgmannen dem Landesherrn zu schwören hatten und der im Infozentrum erläutert wird, hob das wichtige Privileg ausdrücklich hervor. Im Ort erinnert seit 2024 eine aufwendige Stele an dieses spezielle Kapitel der Nienborger Geschichte, an dessen Ende die etwas makabre Versteigerung des Galgenplatzes stand, der den Burgmannen gehört hatte.
Text: Ralf J. Günther
Blickpunkt

Die NRW-Stiftung unter-stützte den „Trägerverein Landesburg Nienborg e. V.“ bei Sicherung, Sanierung und Erlebbarkeit der Grabungsbefunde von Burgturm und Burgmauer. Die Präsentation hat die Form eines „Archäologischen Fensters“ mit barrierefreiem Ausstellungsbereich und örtlichem Treffpunkt.
www.nienborg.de




























