Krefeld ist bekannt als Stadt der Seide. Einen Großhandel für Seidenwaren betrieb hier in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts der jüdische Kaufmann Richard Merländer zusammen mit zwei Kompagnons. Die Firma war so erfolgreich, dass Merländer sich 1925 eine repräsentative Villa leisten konnte, in der zwei Wände mit Bildern des Expressionisten Heinrich Campendonk geschmückt waren. Doch schon wenige Jahre später – noch vor der 1933 etablierten Nazidiktatur, die Campendonks Kunst als „entartet“ verfemte – ließ der Seidenhändler die Gemälde wieder überstreichen. Die Nazis ermordeten Merländer 1942 im Vernichtungslager Treblinka. Die unter Farbe und Tapeten verborgenen Bilder wurden erst 1989 wiederentdeckt. Zwei Jahre danach eröffnete die Stadt Krefeld die Villa Merländer als NS-Dokumentationsstelle, die sich 2026 mit neu konzipierter Ausstellung präsentiert.
NS-Dokumentationszentrum „Villa Merländer“ in Krefeld

Foto: Judith Büthe/VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Es gibt kein Foto, kein exakt gemaltes oder gezeichnetes Porträt von Richard Merländer. Niemand weiß heute, wie der Mann aussah, der von den Nazis wegen seiner Zugehörigkeit zum Judentum und seiner Homosexualität terrorisiert und ermordet wurde. Was man weiß: Merländer kam 1874 in Mülheim an der Ruhr zur Welt, schon seine Eltern waren in der Textilbranche tätig, allerdings nur als Inhaber eines Geschäfts für Kurzwaren und Damenkonfektion. Der Sohn hingegen gründete 1904 mit zwei Teilhabern eine Seiden- und Samtgroßhandlung, die in Krefeld bis zu fünfzig Menschen beschäftigte, was ihm einen großzügigen Lebensstil mit eleganten Autos, Personal, starker Spielleidenschaft und Interesse an Kunst ermöglichte – laut Zeitgenossen permanent umhüllt von Tabakswolken.

Zweimal Professor
Unter welchen Umständen Merländer den gebürtigen Krefelder Heinrich Campendonk kennenlernte, wie eng ihr Verhältnis war, wissen wir nicht. Die beiden Wandbilder zeigen aber nicht nur typische Merkmale von Campendonks Kunst wie die von ihm häufig verwendete Pantomimenfigur des „Pierrot“, sondern auch zahlreiche Elemente, die auf persönliche Vorlieben des Auftraggebers anspielen, darunter einen überdimensionalen Pkw, eine Zigarrenkiste sowie Spielkarten und Würfel. Im Übrigen erwarb Merländer für sein Haus zusätzlich noch ein Hinterglasbild Campendonks und ließ den Künstler mehrere Möbel sowie eine Zimmerdecke mit Mustern verzieren.
Für den Mittzwanziger Campendonk dürften die Aufträge hochwillkommen gewesen sein, denn er hatte als Mitglied der expressionistischen Künstlergruppe „Blauer Reiter“ zwar bereits in jungen Jahren viele Erfahrungen gesammelt, war 1925 beruflich aber noch nicht etabliert. Das änderte sich erst im Jahr darauf durch eine Professur für Glas- und Wandmalerei, Mosaiken und Gobelinweberei an der Düsseldorfer Kunstakademie. Einige von Campendonks Werken befinden sich heute im Besitz von Partnerprojekten der NRW-Stiftung, etwa des Glasmalerei-Museums in Linnich. Dort war auch schon die riesige gläserne „Auferstehung Christi“ zu bewundern, die der Künstler in den Jahren 1941 bis 1944 schuf, als er Nazi-Deutschland längst verlassen hatte und in die Niederlande gegangen war, wo er 1935 Professor an der „Rijksakademie van beeldende kunsten“ wurde. Er starb 1957 in Amsterdam.

Katzen in Freskotechnik
Nur zwei von Campendonks Wandgemälden sind bis heute erhalten geblieben – eben die Bilder „Pierrot“ und „Katzen“ (Foto auf S. 3), die er 1925 in Freskotechnik auf die Wände der Villa Merländer auftrug und die ab etwa 1930 für rund sechzig Jahre unter Farben und Tapeten verschwanden. Das Haus diente in dieser langen Zeit unter anderem als Pensionsbetrieb und als Flüchtlingsunterkunft. Zur Wiederentdeckung der Gemälde kam es 1989 bei Recherchen für ein Werkverzeichnis des Künstlers. Damals tauchte ein Foto der Bilder auf, dessen Rückseite den Namen „Merländer“ trug. Endgültig freigelegt wurden die Kunstwerke indes erst 1997, sechs Jahre nachdem in der Villa die NS-Dokumentationsstelle der Stadt Krefeld eingerichtet worden war.
Ungeklärt ist, warum Richard Merländer die Bilder überstreichen ließ, die er für den kleinsten Raum seines Hauses hatte anfertigen lassen, ursprünglich das Spielzimmer der Villa. Dort zog später sein Chauffeur ein – möglicherweise kollidierte die künstlerische Wandgestaltung also schlicht mit dem Wohnzweck und der damit verbundenen Möblierung. Ihre Tarnung bewahrte sie jedenfalls vor den Auswirkungen der Pogromnacht vom 11. November 1938, bei der das Haus gestürmt und verwüstet wurde. Merländers Bruder Karl, der mit in der Villa lebte, schwächten die Vorfälle und die damit verbundenen Misshandlungen so sehr, dass er am ersten Weihnachtstag 1938 starb.

Die mit maßgeblicher Unterstützung der NRW-Stiftung neu konzipierte und jetzt vermehrt auf digitalen Medien basierende Ausstellung der NS-Dokumentationsstelle ist seit März 2026 zugänglich. Über die beiden Protagonisten Richard Merländer und Heinrich Campendonk hinaus behandelt sie die gesamte NS-Zeit mit dem Fokus auf Krefeld. In mehreren Abteilungen geht es dabei unter anderem um Deportation und Vernichtung, „entartete Kunst“ und um die Verfolgung Homosexueller nach dem durch die Nazis verschärften Paragraph 175 des Strafgesetzbuches, an dem die Bundesrepublik noch jahrzehntelang festhielt. Er wurde – nach einigen Reformen – erst 1994 endgültig aufgehoben.
Text: Ralf J. Günther
Blickpunkt
Die NRW-Stiftung half dem Verein „Villa Merländer e. V.“ bei Gestaltung und Einrichtung der neuen Dauerausstellung in der Krefelder NS-Dokumentationsstelle, einem authentischen Ort der Erinnerung an jüdische Geschichte und nationalsozialistische Verfolgungen. Die Stiftung hat in der Seidenstadt Krefeld außerdem das Museum „Haus der Seidenkultur“ in den Räumen der ehemaligen Paramentenweberei Gotzes gefördert.
www.villamerlaender.de



















